25.01.2016, Montag – Farben der Trauer

Gestern haben wir eines unserer Anrechtskonzerte besucht, eigentlich nur, damit die Karten nicht verfallen. Trotzdem hat mich ein Orchesterwerk in seinen Bann gezogen. Es wurde 1994 von einem Georgier namens Gija Kantscheli komponiert und trägt den Fantasie anregenden Titel »Trauerfarbenes Land«. Ich weiß nicht, wie er selbst das Werk interpretiert. Das ist mir auch egal, denn die depressiv anmutenden Melodien und zahlreichen dumpfen Rhythmen der Trommeln passen genau zu meiner Grundstimmung. Trauer durchzieht das gesamte Stück. Auf merkwürdige Art und Weise bringt es einen Schmerz zum Ausdruck, den ich nur zu gut kenne, der mir auf Anhieb vertraut ist.
Es war das erste Mal seit dem Mord an Jens, dass ich einem Musikstück intensiv zuhörte.
Mein Mann und ich haben ein derart breit gefächertes Musikspektrum, dass manch eingefleischter Liebhaber der ernsten Sparte bereits mit verwunderten Fragen reagierte. Es reicht vom uralten Rythm and Blues über den Hardrock bis hin zur Klassik. Für Experimente sind wir stets offen gewesen.
Doch von all dem hat mich nichts mehr interessiert. Sämtliche Versuche, Musik zu hören, habe ich als Geräuschbelästigung empfunden, die mir auf die Nerven ging. Ein mir unbekannter Komponist hat es geschafft, an seinen Klängen, die von einer grenzenlose Wehmut künden, Interesse zu finden. Hinzu kommt der Titel, der Traurigkeit und Farbe miteinander verbindet.
In unserem Kulturkreis trägt der Trauernde Schwarz, denn es versinnbildlicht Trauer und Tod. Europäische Königinnen und Fürstinnen hingegen sollen ihren Schmerz in Weiß zum Ausdruck gebracht haben, um sich von den gewöhnlichen Menschen abzugrenzen, die sich zum Zeichen des Leides dunkel kleideten. Weiß steht in der christlichen Symbolik für die Auferstehung. Daher werden die Toten oft in dieser Farbe eingekleidet.
Die Blumen, die den Sarg begleiten oder auf das Grab gelegt werden, sind oft weiß und rot. Bekannte Trauerblumen sind Rosen, Callas sowie Lilien. Ihr Weiß symbolisiert Reinheit und Unschuld, das Rot die Liebe. Violett drückt Würde aus und wird in der Trauerfloristik verwendet, um dem Verstorbenen gegenüber Respekt zu zollen.
Da im Buddhismus und Hinduismus die typische Trauerfarbe Weiß ist, trifft sie für die meisten asiatischen Länder zu.
Wir wissen, dass Farben entsprechende Empfindungen auslösen. Aber funktioniert das auch umgekehrt? Können Gefühle, wie zum Beispiel das Traurigsein, Farben in unserem Inneren entstehen lassen?
Immerhin soll es Menschen geben, die sie beim Hören von Musik sehen. Die Klänge müssen berauschend bunt für sie sein.
Während des Konzertes dachte ich darüber nach, welche Farben Kantscheli mit seinem »Trauerfarbenen Land« im Zuhörer hervorzaubern wollte.
Was wäre, wenn das Orchester verstummte? Könnte die Trauer auch ohne Melodien Farbtöne hervorrufen? Ich horchte in mich hinein, doch spontan stellte sich kein Ergebnis ein. Erst nach einigem Überlegen kam ich auf ein eher dunkles Gemisch aus Schwarz und einem schmutzigen Weiß. Das hat sich bis heute nicht geändert. Bunte oder helle Töne passen nicht zu meiner Traurigkeit.

Farben der Trauer
Meine Trauer ist rot
für die Unruhe in mir.

Meine Trauer ist blau
für die Einsamkeit, die
Leere und alle ungestillten Sehnsüchte.

Meine Trauer ist schwarz
für die Verzweiflung
und den Abgrund meiner Seele.

Meine Trauer ist braun
für das Ringen um
Boden unter meinen Füßen.

Meine Trauer ist gelb
für alle Schätze, die
mir dennoch zuteil werden,
für das Licht, das immer wieder
für mich scheint und für Menschen,
die die Sonne zu mir bringt.

Meine Trauer ist grün
für die Hoffnung , die Zuversicht
und das Wissen darum,
das es immer weiter geht.

Meine Trauer ist weiß
für alle Schutzengel, die mich an der Hand halten,
mich trösten und Balsam meiner Seele sind
und für die Kraft,
die mich durch diese Zeit trägt,
ohne das ich ihren Ursprung kenne.

Meine Trauer ist bunt wie ein Kaleidoskop
für alle Gefühle in mir,
die sein wollen und sein dürfen.

Ich lasse sie zu und halte sie aus,
gebe ihnen Raum zum
Leben und zur Verwandlung.
(Andrea Böttler)

Ich glaube, dass jeder Mensch die für ihn charakteristischen Farben in sich trägt, die Freude und Leid widerspiegeln.
© Brigitte Voß

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