24.01.2016, Sonntag – „Die Zeit heilt alle Wunden“

Vor genau zehn Monaten geschah das Grauen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Wochen vergehen. Der Abstand zwischen dem Leben von Jens zum Jetzt wird größer. Wird die Erinnerung an sein Dasein verblassen? An sein Lachen? An seine Stimme? An seine Bewegungen? An seinen Geruch? Das wäre furchtbar.
Man sagt, die Zeit heile alle Wunden. Je mehr ich darüber nachdenke, desto intensiver zwängt sich die Frage auf: Möchte der Spruch mich verspotten? Die Zeit vergeht und die Verletzungen, die der unsägliche Verlust in Seele und Körper gerissen hat, sind nicht zu stillen. Sie bluten als zirkuliere Blutverdünner in den Adern. Das Sprichwort ist nicht nur falsch, im Gegenteil, ich empfinde es als Grausamkeit. Vergessen und Verdrängen sind keine Lösung. Für mich ist der Horror des März 2015 wie eine scharfe Messerklinge, die lauernd über mir schwebt, um im geeigneten Moment zuzustoßen. Es gibt Auslöser, das können eine bestimmte Melodie, ein Ausspruch, ein spezieller Ort, Fotos aus den glücklichen Tagen, usw. sein, die bewirken, dass die Tränen unerwartet hervorschießen, egal, wo man sich befindet oder womit man beschäftigt ist. Natürlich könnte ich mir eine Art Ritterrüstung zulegen, die diese Hiebe abwehrt, und mein Gesicht zu einer Maske erstarren lassen, damit niemand etwas von den schmerzenden Angriffen bemerkt. Das wäre leichter für die Mitmenschen, jedoch nicht für mich. Die Entfremdung vom Alltagsleben würde sich verschlimmern und die Kommunikation mit der Umgebung wäre gestört.

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Sämtliche Erinnerungen an Jens sind von seinem Tod durchdrungen. Je schöner sie sind, desto heftiger ist die Wehmut. Erst, wenn das Gedächtnis ihn nicht mehr fände, hätten die klaffenden Risse eine Chance zu heilen. Das wäre im Fall einer hochgradigen Demenz oder des eigenen Ablebens möglich. Unter diesen Voraussetzungen ergäbe das betreffende Zitat einen Sinn. Solange uns der Verstand erhalten bleibt, werden wir Jens nicht verleugnen. Denn es ist gerade das, was der Spruch fordert.
Mit permanenten körperlichen Schmerzen habe ich mit den Jahren gelernt umzugehen, allerdings ohne geheilt zu sein. Die Zeit heilt nicht alle Wunden, erst recht nicht im psychischen Bereich. Mit dem Sterben wurde ich mehrfach in der Familie sowie im Freundeskreis konfrontiert. Aber der Tod von Jens dringt in die tiefsten Schichten meiner Existenz. Trotzdem muss ich lernen, auch damit zu leben, wenn ich eine Zukunft haben möchte. Und das fällt verdammt schwer.

rilke_spruch-1024x680Es hilft zu erfahren, dass wir nicht allein sind, dass ebenso andere Menschen gezwungen sind, ein hartes Schicksal zu erleiden. Teilweise kontaktieren sie mich aus den Internetnetzwerken heraus. Ich habe sie noch nie getroffen, kenne den Klang ihrer  Stimmen nicht, die mir vom Tod ihrer Lieben berichten.
Eine Frau, deren zwei Kinder im Mutterleib verstorben sind, schreibt, wie unsensibel ihr Umfeld mit dem Thema umgeht: „Du hast sie nie kennengelernt, nie richtig gesehen! Warum klagst du?« Nachdem sie ein gesundes Baby zur Welt gebracht hatte, bekam sie zu hören: »Du hast doch jetzt ein Kind. Wieso trauerst du?« Ihre ungeborenen Babys werden zu einer beliebig austauschbaren Sache degradiert.
Oft erscheint es Außenstehenden unmöglich, dem Trauernden zu begegnen, weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Schweigen und aufmerksames Zuhören sind Tugenden, die es in unserer Zeit kaum noch gibt. Für den Hinterbliebenen jedoch könnten sie hilfreich sein. Stattdessen fallen Floskeln, wie »Schaut nach vorn«,«Das Leben geht weiter«, »Schließt endlich ab«, »Es ist doch schon so lange her«, »Die Zeit heilt alle Wunden«, usw., die ihn zusätzlich belasten können. Derartige Bemerkungen bringt die Zeit mit sich. Die Betroffenen müssen sie ertragen. Nein, die Zeit heilt wahrhaftig keine Wunden, sie kann sie unter Umständen vertiefen.
© Brigitte Voß

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