17.01.2016, Sonntag – Angehörigentreffen von Lufthansa/Germanwings in Düsseldorf

Der Konferenzraum des Hotels füllt sich . Die meisten Hinterbliebenen kennen wir bereits, aber auch neue Gesichter tauchen auf. Die Unterhaltung ist rege, haben wir uns doch lange nicht gesehen.
Frau Edda Huther, die Vorsitzende des sechsköpfigen Kuratoriums, das über die Verwendung des von der Lufthansa gegründeten Hilfsfonds entscheidet, eröffnet die Veranstaltung. (Im Oktober vergangenen Jahres konnten wir online die Kuratoriumsvertreter, die aus dem Kreis der Angehörigen stammen, wählen. Sie hatten sich dafür beworben und sich auf einer speziellen Internetseite vorgestellt. Die jetzt feststehenden drei Vertreter kommen aus Deutschland, Spanien und Kolumbien.)
Sie läuft vor den besetzten Stuhlreihen hin und her und beginnt mit den Ausführungen. Die Ziele des Fonds werden erläutert. Ein Teil des Geldes soll für die zurückgebliebenen Waisen, derzeit sind weltweit 89 junge Menschen bekannt, verwendet werden. Der andere dient Projekten, die die Familien dem Andenken an ihre toten Lieben widmen möchten. Als sie die Kriterien nennt, die für eine Zulassung Voraussetzung sind, horche ich auf. Ich höre: »Gedenken an mindestens ein Opfer des Flugzeugunglücks«, »… unmittelbare Wirksamkeit …«, »… Nachhaltigkeit …«, usw.
Spontan flüstere ich meinem Mann zu: »Da kann ich wohl die »Seelenrisse« in verschiedene Sprachen übersetzen lassen? Der Blog erfüllt exakt diese Punkte.«
Im Anschluss können wir Fragen stellen. Einige Hinterbliebene wollen Stiftungen gründen, die den Namen ihrer verstorbenen Familienmitglieder tragen und einem sozialen Zweck dienen.
In der nachfolgenden Pause spricht mich mein Mann an: »Deine Idee finde ich gut.«
»Welche Idee?«
»Na, was du vorhin gesagt hast.«
Jetzt fällt mir ein, was er meint. »Ach, das habe ich doch nur so dahin gesagt. Sollte nur ein Spaß sein.«
»Beantrage das«, bohrt er.
»So etwas wird nie genehmigt. Gewidmete Stiftungen sind was ganz anderes, irgendwie seriöseres«, lehne ich ab.
»Versuche es.«
Wir wechseln den Raum und nehmen mehrreihig im Kreis Platz. Die Themen »Jahresgedenken« und »Gedenkkultur« stehen auf der Tagesordnung.
Es klingt gut, was die Vertreterin von Lufthansa erzählt. Ich bin angenehm überrascht. Die Gedenkveranstaltung soll, je nach dem wie es die Witterung zulässt, so nah wie möglich am Ort der Katastrophe, stattfinden. Da um diese Jahreszeit in Le Vernet mit viel Schnee zu rechnen ist, müsste ein Ausweichort gefunden werden. Vielleicht Marseille?
Im Vorfeld des heutigen Treffens haben wir erfahren, dass ein Arbeitskreis, bestehend aus deutschen und spanischen Angehörigen, kürzlich in Barcelona tagte, um Ideen zur Gestaltung des Tages zu sammeln. Das war mir neu. Die Spanier seien kooperativ und der überwiegende Teil der Vorschläge, die wir gemeinsam mit den Notfallseelsorgern erarbeiten hatten, seien übernommen worden.
Uns wird zugesichert, dass wir die Zeit nach der Veranstaltung individuell verbringen können.
Zum Jahresgedenken wollen französische Schüler mit einem Lied auftreten. Medienvertreter sollen auf Abstand von uns gehalten werden. Es ist aber nicht auszuschließen, dass Vertreter der Öffentlichkeit, wie beispielsweise Politiker, ihr Interesse an einer Teilnahme zeigen könnten. Bisher habe sich noch niemand gemeldet.
Das ist ein wunder Punkt, wie die nachfolgende Diskussion zeigt. Viele Hinterbliebene möchten unter sich sein. Schließlich erzwingen wir eine Abstimmung darüber, ob Politiker zur Gedenkveranstaltung erwünscht sind oder gar Reden halten dürfen. Nur zwei der rund sechzig Teilnehmer sprechen sich dafür aus.
Angehörige schlagen Musikstücke vor, die die Familien zur Gedenkfeier gemeinsam singen könnten. Der Song »Over the Rainbow« rückt in den Mittelpunkt. Den Text finde ich zwar sehr gut, allerdings ist er von der Musik her nicht unbedingt mein Favorit. Außerdem wird mir nicht nach Singen zumute sein, weil mich die Traurigkeit überwältigen wird.
Zum Thema Gedenkkultur stellen uns die Moderatoren der Lufthansa schon vorhandene Denkmäler vor. So sehe ich zum ersten Mal das Foto eines Kunstwerkes aus Metallstäben, die bei Wind aneinanderstoßen und ein klirrendes Geräusch ergeben. Es befindet sich in den Bergen bei Prads. Der Ort umschließt mit Le Vernet das Absturzgebiet. Auch haben die Franzosen einen Rundwanderweg von elf Kilometern ausgebaut, der an der Absturzstelle vorbeiführt. In der Nähe sollen 149 Bäume gepflanzt werden.
Geplant sei ebenfalls, auf dem Düsseldorfer Flugplatz eine Gedenktafel an die Opfer des Fluges 4U9525 aufzustellen. Die Genehmigung des Airportes liege vor. Vor dem Flugplatz von Barcelona erinnere bereits ein Gedenkstein an die Katastrophe.
Die Veranstaltung ist zu Ende. Bevor wir uns verabschieden, stehen wir noch in Grüppchen zusammen und reden miteinander.
© Brigitte Voß

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