16.01.2016, Sonnabend – die Extremsituation

Wieder einmal sitzen wir im Flugzeug, da die Lufthansa zu einem Angehörigentreffen nach Düsseldorf einlädt. Der eingerichtete Hilfsfonds für die Hinterbliebenen soll vorgestellt und näher erläutert werden. Das finde ich gut, da ich immer noch nicht verstehe, wofür die zur Verfügung gestellten Gelder geplant sind.
Des Weiteren möchte das Carecenter Germanwings Meinungen zur Gestaltung des bevorstehenden Jahrestages der Katastrophe in Erfahrung bringen sowie die persönlichen Wünsche, die wir an das Gedenken an unsere Lieben haben (Denkmal/Orte des Erinnerns).
Das Fliegen ist für uns zur Routine geworden. Seit dem Tod von Jens, sind wir bereits mehrfach nach Marseille, Düsseldorf oder zur Trauerfeier nach Köln geflogen.
Mein Mann, der einst wahnsinnige Flugangst hatte, hat diese mit dem Absturz des Airbusses verloren.
Betrachte ich die winzigen Landschaften unter mir, male ich mir aus, wie es wäre, abzustürzen. Früher habe ich derartige Gedanken sofort verdrängt. Doch jetzt drängt sich die Idee auf: Stürzen wir ab, sind wir bei Jens. Die Vorstellungskraft gibt damit keine Ruhe. Sie reiht quälende Bilder aneinander, die unseren Sohn in den letzten Lebensminuten zeigen. Während eines Landeanfluges können sie bei mir zu Schwindelattacken und beschleunigter Atmung führen. Anstelle eines Flugpatzgeländes tauchen massive Felswände vor meinen Augen auf. Ich sehe, mit welcher Wucht das Flugzeug bei einer Geschwindigkeit von rund 700 km/h dagegen prallt. Und ich höre Schreie …
Das Grübeln über seine Todesangst wird mich wohl nie verlassen. Seit wir Ende des Jahres die unmittelbare Absturzstelle betreten haben, ergeht es mir schlechter, obgleich die Psychologin die direkte Konfrontation mit dem Ort der Katastrophe begrüßt.
Vorige Woche sprach sie mit mir über die beunruhigenden Fantasien, die ich nicht stoppen kann. Sie erklärte die Arbeitsweise des Gehirns bei einem traumatischen Geschehen. Ich gebe es sinngemäß wieder:
In der ersten Phase kommt es zur Ausschüttung von Adrenalin, Serotonin und weiteren morphinähnlichen Substanzen, die den Körper in Alarmbereitschaft versetzen sowie Energiereserven mobilisieren. Angst und Schmerzen sind ausgelöscht. Gehirnareale werden unterbrochen, sodass der Betroffene die Gesamtverhältnisse nicht angemessen bewerten kann. (Unsere Vorfahren mussten bei einer Mammutjagd funktionieren, das heißt reaktionsschnell sein, um für Flucht oder Kampf rasch handeln zu können. Es sind die puren Überlebensreflexe.)
In extremen Situationen tritt eine Art Lähmung, Erstarrung ein, die sie »Freezing« nannte. (Tiere, die spüren, dass sie einem lebensbedrohlichen Zustand nicht ausweichen, ihn nicht erfolgreich bekämpfen können, stellen sich tot, bewegen sich nicht und werden so leichter übersehen.)
Im Falle eines Flugzeugabsturzes würde sich das Gehirn nahezu abschalten, um vor der übermäßigen, nicht aushaltbaren Panik und dem Grauen zu schützen, die solch eine ausweglose Lage mit sich bringt. Der Verstand ist erstarrt, die Insassen bekommen nichts mehr mit. Auch sogenannte Nahtoderfahrungen sind möglich.
»Ich war nicht mehr im Flugzeug. Ich bin vorher ausgestiegen«, habe unser totes Kind zu meinem Mann gesagt, der meint, mit ihm in Kontakt zu stehen. Seit dem Gespräch mit der Psychologin muss ich oft an diese Worte denken.

Unser Flug verläuft ruhig. Wir landen sicher in Düsseldorf. Vom Flugplatz bis zum Hotel sind es nur wenige Meter, sodass wir laufen können.
© Brigitte Voß

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