14.01.2016, Donnerstag – Enkelkinder

Die Angehörigen verstehen nicht, wieso Lufthansa und die Notfallseelsorger keinen gemeinsamen Nenner bei der Vorbereitung des ersten Jahresgedenkens der Katastrophe finden. Wir haben diesbezügliche Mitteilungen bekommen. Die Reaktionen in der Angehörigengruppe lassen nicht auf sich warten. Wir beschließen zu handeln, organisieren uns, schalten gar eine Telefonkonferenz und verfassen zusammen Schreiben, auf die wir von der Fluggesellschaft und den Seelsorgern Antworten erhalten, die wir im Web diskutieren. Es ist beeindruckend, wie man innerhalb eines Netzwerkes sinnbringend koordinieren und agieren kann. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Opferangehörigen wohnt zwar im nordrhein-westfälischen Raum, doch der Rest ist über die Republik verstreut. So ist das World Wide Web eine ausgezeichnete Hilfe für uns. Unterschrieben werden die Briefe im Namen der Hinterbliebenen, die zuvor ihr Einverständnis gegeben haben. Obwohl die Liste der Unterschriften lang ist, sind all die Bemühungen vergebens. Die wahren Ursachen dafür erschließen sich mir kaum. Beide Parteien haben angeblich keine gemeinsame Kooperationsbasis, sodass die Organisation des Jahresgedenkens einzig in den Händen der Lufthansa verbleibt, wobei Vorschläge von uns berücksichtigt werden sollen. Teilweise liegen diese bereits vor, da wir sie mit den Seelsorgern erarbeitet hatten.
Mein Mann und ich schwanken immer noch, ob wir nach Südfrankreich reisen, um in den Alpen der Opfer zu gedenken. Das können wir auch von zu Hause aus. Wir möchten an dem bedrückenden Tag mit den Gedanken an Jens für uns sein. Nicht an einer Massenveranstaltung teilnehmen, auf der sich vielleicht Politiker versuchen, mit ihren Reden zu profilieren. Außerdem stört mich die Schirmherrschaft der Lufthansa.
Eine andere Meldung geht gleichgültig an uns vorbei. Der Sonderbeauftragte der Bundesregierung, der für die Belange der Opferangehörigen zuständig sein sollte, tritt plötzlich zurück. Was er überhaupt geleistet hat, ist mir unklar.

Voller Freude, aber ein wenig ratlos, betrachte ich das Ultraschallbild auf dem Smartphone. Ich erforsche die schattierten Umrisse des winzigen Wesens, erkenne allerdings das entscheidente Körperteil nicht, das das Geschlecht beweisen soll. Auf jeden Fall steht es jetzt fest, das zu erwartende Enkelkind ist ein »ER«. Die Organe arbeiten, wie es sein soll, alles an ihm ist normal und entwickelt sich nach Vorschrift.
Glücksgefühle durchströmen mich. Ich kann den Blick nicht von dem Prachtkerl lösen, permanent nehme ich das Handy zur Hand, um ihn anzusehen. Ich binde das Foto als Hintergrundbild meines Computers ein.
Ich hatte mich auf männlichen Nachwuchs versteift. Vielleicht wird das neue Leben etwas von Jens in sich tragen? Ich möchte, dass er wenigstens in den Enkeln weiterlebt.
In der dreijährigen Enkelin vermeine ich, Merkmale unseres verstorbenen Sohnes zu entdecken. Es sind ihre lachenden Augen und vor allen Dingen die Redseligkeit. Sie plappert jedes Wort nach und verwickelt uns mit ihrem noch so geringen Wortschatz in Gespräche und Handlungen. Ich ertappe mich oft dabei, wie ich seine Verhaltensweisen in sie hineinprojiziere.
Egal ob Junge oder Mädchen, wichtig ist, dass die Schwiegertochter gesund bleibt und ein unversehrtes, schreiendes Baby auf die Welt bringt.
Ich genieße diese Vorfreude, denke allerdings auch an die Angehörigen, deren einziges Kind schwanger im Todesflieger saß …
Das ungeborene Menschlein und die kleine Sassa geben uns Hoffnung. Sie gewährleisten, dass wir uns nicht gehen lassen, dass wir etwas tun müssen, um fit zu bleiben und weiter zu leben, denn wir werden gebraucht. Sie sollen Opa und Oma nicht als ewige Trauerklöße in Erinnerung behalten, mit denen man keinen Spaß haben kann. Auch wenn mir das derzeit noch schwerfällt, weil Fröhlichsein an den Kräften zehrt, die uns der Tod von Jens geraubt hat.
Das Licht, das zaghaft beginnt, die Dunkelheit zu durchbrechen, spendet Wärme und Energie.
© Brigitte Voß

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