08.01.2016, Freitag – Jahresbeginn

Ich verwende viel Zeit für den Blog »Seelenrisse«. Ich formuliere, lösche das Geschriebene, drücke erneut die Tasten nieder oder klappe traurig den Deckel des Laptops zu. (Übrigens nenne ich den Computer Elvis II.)
Eine Freundin meint:
»Das Schreiben ist für die Seele, was der Brechreiz für den Magen ist.«
Das ist drastisch, allerdings treffend formuliert.
Da ich aus der Rückschau texte, rolle ich das Geschehen wieder auf und versuche,  mich anhand der damaligen Notizen zu erinnern. Verdrängte Ereignisse und damit verbundene Gefühle tauchen dabei auf. Manchmal bin ich mitten drin, in einem Film, der den betreffenden Tag vor meinem inneren Auge abspult. Das ist mitunter hart. Doch diese Konfrontation, das wiederholte Abspulen der vergangenen schrecklichen Monate hilft mir in der Trauer.
Zusätzlich äußerte sie: »Trotzdem war das Lesen sehr heftig. Ich konnte nicht aufhören und habe einen ganzen Abend gelesen. Aber eigentlich fehlen die Worte noch immer … Ich bin froh, dass es dir gelungen ist, deine Vorbehalte gegenüber Psychologen zu überwinden.«
Indirekt habe ich es der Psychologin zu verdanken, dass ich das Online-Tagebuch schreibe. Sie hatte es geschafft, dass ich den Tag der Katastrophe zu Papier zu bringe. Das Weitere entwickelte sich in einer gewissen Eigendynamik.
Mir ist bewusst, dass die vorliegende Lektüre keine leichte Kost ist. Ich erzeuge Traurigkeit und belaste mein Publikum, ich weiß, dass einige dabei weinen. Allerdings steht es jedem frei, den Blog kurzerhand wegzuklicken.
Gern möchte ich, dass die Mitmenschen besser verstehen, was solch ein Horror in der Seele eines Hinterbliebenen bewirkt und dass dieser, selbst wenn Monate, gar Jahre vergangen sind, nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen kann, wie es viele erwarten.

Im elektronischen Posteingang finde ich ein Rundschreiben mit dem Absender »Mairie de Le Vernet, Alpes de Haute Provence« vor. Der Bürgermeister, Monsieur Balique, bringt darin zum Ausdruck, wie bewegt die Einwohner sowie der Gemeinderat von den Dankesworten sind, die sie von Opferangehörigen erhalten haben.
Auch wir sind seit dem ersten Besuch in den südfranzösischen Bergen von der warmherzigen, tiefen Anteilnahme der Franzosen beeindruckt. Sie half und hilft immer noch sehr. Unmittelbar nach der damaligen Rückkehr schrieb ich davon dem Bürgermeister und war offensichtlich nicht die Einzige.
Nur schade, dass die Kommunikation mit den Bewohnern aufgrund der Sprachbarriere erschwert ist.
Während ich das Dankesschreiben von Monsieur Balique übersetze, kommt die Idee, meine Französischkenntnisse zu trainieren. Kurzerhand recherchiere ich Kurse und Kontaktdaten des Französischen Institutes im Internet, um mich für einen Kommunikationskurs anzumelden. Das Schreiben aus Frankreich ist Motivation.
ICH MUSS DIE ANTRIEBSLOSIGKEIT ÜBERWINDEN.

In dem Info-Netzwerk, das Angehörige für Angehörige gegründet hatten, taucht eine Meldung auf, die uns bereits im Dezember zu schaffen machte (15.12.2015). Sie bezieht sich auf den Fund weiterer sterblicher Überreste. Eine Mutter hatte diesbezüglich bei den französischen Untersuchungsrichterinnen nachgehakt. Sie antworteten, dass die menschlichen Teile so klein und in einem derart schlechten Zustand seien, der eine Identifizierung nicht zuließe. Daher habe man sie dem Friedhof in Le Vernet zur Inhumierung übergeben. Es läge in französischer Hand, darüber zu entscheiden.
Ein Sturm der Entrüstung bricht los: »Wieso werden wir von keiner offiziellen Stelle über die für uns so wichtigen Fakten benachrichtigt, sondern erst auf Anfrage? … Sollten uns diese Informationen etwa verschwiegen werden? … Man nimmt uns nicht ernst! … Hat die geplante Bestattung schon stattgefunden? Weiß jemand was?«
Das Fragezeichen bleibt im Raum stehen.
© Brigitte Voß

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