31.12.2015, Donnerstag – Jahreswechsel

Es gibt eine Presseerklärung der Staatsanwaltschaft Düsseldorf zum aktuellen Ermittlungsstand:

»Das Verfahren wird weiterhin als Todesermittlungsverfahren geführt.
Die französischen Behörden haben nunmehr auf das Rechtshilfeersuchen der
Staatsanwaltschaft Düsseldorf die dortigen Ermittlungsergebnisse durch Übersendung
eines Datenträgers mit zahlreichen eingescannten Dossiers in französischer Sprache
zur Verfügung gestellt.
Die Auswertung der umfangreichen Unterlagen wird nach deren Übersetzung, die
derzeit veranlasst wird voraussichtlich mehrere Monate in Anspruch nehmen.
Weitere Erklärungen können vor einer vollständigen Auswertung der übergebenen
Beweismittel nicht in Aussicht gestellt werden.
Christoph Kumpa
Staatsanwalt (GL)«

Das Jahresende ist ein einziger Scherbenhaufen. Jens ist Teil eines Todesermittlungsverfahrens.
Tauchten früher Meldungen über den Tod eines Kindes auf, war ich mit einem Gruseln im Nacken überzeugt: ›Das ist das Schlimmste, was einem passieren kann.‹
Niemals habe ich daran gedacht, selbst in diese Rolle gepresst zu werden.
Ich erinnere mich, wie ich vergangenes Silvester gejubelt hatte, weil sich das verhasste Jahr 2014 dem Ende zuneigte. Meine Mutter starb. Ich zog mir einen schweren Trümmerbruch im Handgelenk zu, den die Chirurgen operierten. Mein Mann wäre beinah an einer plötzlich auftauchenden Krankheit gestorben, glücklicherweise haben die Ärzte ihn retten können. Die Vorstellung, jetzt, nach allem, was geschehen ist, ohne ihn zu sein … Nein, das wage ich nicht auszudenken, das will ich gar nicht wissen.
Ich glaubte zutiefst, dass 2015 die Unglückskette durchbrechen würde. Ich wollte zur Ruhe kommen, um das Leben mit meinem Mann zu genießen.
Und so standen wir vor Mitternacht am Ostseestrand, um das das Neue Jahr zu begrüßen. Vor uns toste die See. Wir stießen mit Sekt an und erfreuten uns an dem Feuerwerk, das in der Ferne begann. Zusätzlich zischten Leuchtkugeln durch den nächtlichen Himmel. Sie erweckten die Illusion von rosafarbenen Monden, die mit dem Wasser spielten. Rötliche Lichtpunkte tanzten auf den Wellen. Meer und Himmel flammten in tiefrotem Rosa, als hätte sich ein surrealistischer Künstler erprobt. Da ich dies als ein positives Zeichen wertete, jubelte ich mich reglerecht in einen Rausch: »Das alte Jahr ist vorbei. Das alte Jahr ist vorbei.« Der Alkohol wärmte und steigerte die Freude.

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Beim jetzigen Betrachten des Fotos wirken die Farben bedrohlich. Blut tränkt die Szenerie. Sie kündet von einer Apokalypse.
Eine Freundin gab mir im Vorfeld den Ratschlag, ich solle auf Zettel eine ›2014‹ schreiben und mit ihnen die letzten zwölf Monate symbolisch verbrennen. Hätte das den Massenmord am 24. März verhindert? Wohl kaum!
Das Jahr 2015 erwies sich als das schrecklichste, das ich erlebt habe. Es hat mich in einen Albtraum versetzt, der ein ständiger Begleiter bleiben wird. Wenn ich lache, schwingt die Schwermut mit. Ich kann mir Mühe geben, das zu lindern, doch ein Vergessen ist unmöglich. Jens fehlt.
Der Tod hat mich verändert, obwohl ich annahm, dass aufgrund des Alters, mein Charakter ausentwickelt und gefestigt wäre.
Vermehrt grübele ich über die Sinnhaftigkeit des Seins, finde allerdings keine schlüssige Antworten.
Die Katastrophe hat verdeutlicht, wer auch in schlechten Zeiten zu uns hält. Die Spreu hat sich vom Weizen getrennt. Seitdem schaue ich mir die Menschen genauer an, die meinen Lebensweg kreuzen.
Die Familie und die Freunde sind mehr denn je das Wichtigste im Leben.
Ich existiere durchweg in der Gegenwart, weil die Vergangenheit quält. Die Zeit mit Jens ist vorbei. Er kommt nie wieder.
Und die Zukunft? Der Flugzeugabsturz hat mir vor Augen geführt, wie unberechenbar sie ist. Pläne und Träume können von einer Sekunde zur anderen durch unkalkulierbare Einflüsse vernichtet werden. Ich mag mir nicht vorstellen, was alles passieren könnte. Selbst die größte Unwahrscheinlichkeit ist möglich, das mussten und müssen wir Angehörige auf bitterste Art durchleben.
Was wird das Neue Jahr bringen? Es macht mir Angst, da ich die Zukunft nicht kontrollieren kann.
Ich weiß nur eins: Wir vermissen Jens so sehr. Und das schmerzt.
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “31.12.2015, Donnerstag – Jahreswechsel”

  1. Guten Abend,

    schon länger lese ich hier in Ihrem Blog. Bisher war ich nur eine stille Leserin.
    Aber ich habe gerade das starke Bedürfnis, Ihnen eine „virtuelle“ Umarmung zu schicken. In Ihren Worten über Ihrem Sohn steckt so viel Liebe. Ich habe Jens nicht gekannt. Aber Sie haben ihn für mich lebendig gemacht und zu einem Menschen, den ich gerne gekannt hätte.
    Ich kann mir nicht annähernd vorstellen, wie man ohne sein geliebtes Kind Leben kann. Aber wichtig ist, er ist in so vielen Herzen und wird nicht vergessen.
    Alles Liebe für Sie und Ihre Familie.
    Monika

    Gefällt 1 Person

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