29.12.2015, Dienstag – 5. Reise nach Le Vernet (5)

♦ VIERZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Wir stiefeln los. Die Informationen der Lufthansa besagen, dass wir vom Col de Mariaud bis zum Zaun circa 30 Minuten benötigen. Die Piste ist mit Schotter bedeckt und führt uns steil hinab. Wir verharren an den Stellen, die uns Ausblicke auf den Todesfelsen gewähren. Schweigend laufen wir weiter.
Das letzte Stück bis zur Absperrung, einem Gitterzaun aus rostigem Metall, mühen wir uns bergauf. Blumen, die Angehörige hinterlassen haben, klemmen in der Vergitterung.20151229_131820-2-1024x576
Von hier aus haben wir keine Sicht auf die Absturzstelle.
Obwohl sich das Gitter kompakt an das seitliche Gestein schmiegt, ist es überwindbar. Wir wissen einen Weg, es zu umgehen, da uns Hinterbliebene eine detaillierte Beschreibung gegeben haben.
Trotzdem zögere ich. Möchte ich wirklich direkt im Zentrum des schrecklichen Geschehens stehen? Mir schlottern ja jetzt schon die Knie und das nicht von der körperlichen Anstrengung. Doch irgendetwas treibt mich an. Ich muss selbst sehen, ertasten, fühlen – versuchen, wenigstens mit den Sinnen zu begreifen, was beim Absturz geschah, weil der Verstand versagt. Ich vermute, auch das wird vergebens sein, denn den Tod von Jens werde ich nie erfassen.
Gemeinsam bewältigen wir die Sperre. Neben uns türmen sich Felsen in die Höhe. Die Ausblicke auf den Ort des Crashs rücken näher. Wir erreichen die Stelle, an der Einwohner der Umgebung, ihnen voran die Bürgermeister von Le Vernet und Prads, ein großes Blumenbouquet in einer Kiste abgestellt haben (Link). Beides ist noch vorhanden. Natürlich sind die Blumen vertrocknet, tot.
Der zunächst breite Weg wird schmaler und verliert sich in der felsigen Landschaft. Die Steigung ist anfangs enorm. Wir sind alpin erfahren, besitzen das richtige Schuhwerk und eine entsprechende Kondition. Die restlichen Meter steigen wir über Felsbrocken. Ein Bachbett muss durchschritten werden. 20151229_124708-2-1024x576Nach einer Biegung sehen wir den Bergrücken, aus dem eine gelblich-grüne Markierung ragt. Sie kennzeichnet den Erstaufprall des Flugzeuges. Meine Gefühle verhärten den Körper. Hier ist unser Kind gestorben und mit ihm 148 Menschen, die der Copilot, der personifizierte Tod, mit sich nahm.
Was für ein fürchterlicher Ort! Was hat Jens in den letzten Sekunden gesehen? Er hat auf der linken Seite vor dem Flügel des Airbusses gesessen. Die beschädigten Bäume zeigen die Einflugschneise an. Ihre Stämme sind noch aufrecht, sie enden in einer baumkronenlosen Leere, in einem zersplitterten Etwas. Die amputierten Stümpfe recken sich in die Höhe und klagen an.

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Ich zittere, möchte fliehen. Allerdings bin ich wie sie mit dem Boden verwachsen. Mir ist kalt, ich friere, die Finger werden taub. Unser Sohn ist hier, ich spüre es.
Ich höre das Geheul von Flugzeugturbinen, eindringlich und schrill. Die gereizte Fantasie schäumt über. Kopfschmerzen.
Mir fällt die Behauptung meines Mannes ein, er könne mit Jens sprechen. So habe er ihm erzählt, er wäre nicht mehr im Flugzeug gewesen, er wäre »vorher ausgestiegen«. Dieses »vorher ausgestiegen« ist tröstlich. Das würde bedeuten, er war nicht bei Bewusstsein oder hat tief geschlafen, sodass die grauenvolle Realität nicht zu ihm dringen konnte. Immerhin teilte er in einer Nachricht aus Barcelona mit, er wäre müde und würde sich auf das Bett freuen.
Möglicherweise blieb ihm die Todesangst erspart.

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Ich sehe zum Himmel. Dunkle Wolken brauen sich zusammen. Hoffentlich werden wir nicht nass.
Obwohl der Flecken Natur, auf dem wir uns gerade befinden, stets mit dem barbarischen Massenmord verbunden sein wird, treten wir mit der Überzeugung den Rückweg an, dass wir wiederkommen. Der Ort ist die Schnittstelle zwischen seinem Leben und dem Tod. Hier war er zuletzt, hier bin ich ihm nah. Alles andere ist belanglos.
Fahrer und Betreuer erwarten uns. Sie hatten den Wetterdienst angerufen und wollten uns soeben mit dem Fahrzeug entgegenkommen, damit uns nichts zustieße. Sie sind besorgt.
Auf dem Friedhof nehmen wir noch einmal Abschied. Morgen fliegen wir zurück nach Deutschland.

20151229_130155-2-1024x576© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “29.12.2015, Dienstag – 5. Reise nach Le Vernet (5)”

  1. Ich bin fest davon überzeugt, dass Ihr Sohn Ihrem Mann das tatsächlich so mitgeteilt hat. Und ich hätte vor dem Tod einiger Lieben meiner Familie jeden für verrückt erklärt, der behauptet hätte Nachrichten von verstorbenen Angehörigen zu erhalten. Man kann es nur nachvollziehen wenn es einem selbst passiert.
    Ich wünsche Ihnen alles Gute!

    Gefällt 1 Person

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