29.12.2015, Dienstag – 5. Reise nach Le Vernet (4)

♦ VIERZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Wir nehmen das Hotelfrühstück ein. Maria, die Betreuerin von der Lufthansa, gesellt sich zu uns. Sie trägt ein Regencape in ihrer Hand. Sie hatte es mir gestern versprochen, nachdem sie erfuhr, dass meine Jacke, obwohl angeblich wetterfest, nicht regendicht ist. Sie ist besorgt, dass ich mich in den Bergen erkälte. Während der Unterhaltung angelt sie ihr Handy aus der Tasche und zeigt ein Foto, das ich mit Interesse anschaue. Ich sehe die von Koniferen umrahmte Stele sowie die Umzäunung mit der kleinen Tür, vor der sich ein Hund in beachtlicher Länge ausbreitet.
»Ich habe das bei einem der letzten Besuche in Le Vernet aufgenommen«, erklärt sie.
Die Gedanken, die mir beim Betrachten des Bildes durch den Kopf gehen, sind: ›Der Hund  bewacht die Tür … er bewacht die Stele … er bewacht die Toten.‹
Als hätte sie es gehört, sagt sie: »Tiere spüren viel.«
Dem kann ich nur zustimmen. Die Aufnahme beeindruckt.
Pünktlich trifft das Shuttle, das uns nach Le Vernet transportieren soll, vor dem Hotel ein. Der Chauffeur ist Gregori, den wir von einer der früheren Reisen her kennen. Auch er erinnert sich. Wir begrüßen uns gemäß dem Brauch des Landes, nämlich mit Küsschen links und rechts auf die Wange.
Lars begleitet uns.
Wir sind froh, dass uns während des jetzigen Aufenthaltes in Frankreich erlaubt ist, gleich zweimal die Berge aufzusuchen, obwohl wir die Ziele, Stele, Gedenkraum, Friedhof und Col de Mariaud, bereits gestern hätten schaffen können. Wir möchten gern allein sein und jede Menge Zeit haben, um die Tage in Andacht und Ruhe zu verbringen.
Erneut im Gebirge zeigt sich das Wetter von einer graueren Seite. Wir warten auf das Allradfahrzeug, das uns zum Col de Mariaud bringen wird. Wir sitzen unter der Klappe des geöffneten Kofferraumes vom Shuttle und wechseln die Schuhe. Wir betreten alpines Gelände, sodass die Bergschuhe besseren Halt bieten. Schließlich haben wir einiges vor …
Das Auto kommt, wir steigen ein und los geht die Fahrt. Der Chauffeur berichtet, wie innerhalb kürzester Zeit die Piste, auf der wir gerade fahren, mit schweren Maschinen stabilisiert wurde, damit die Bergungstruppen ohne Hubschrauber und Abseilen rasch in das Gebiet der Katastrophe gelangen konnten.
Rechts von mir stürzen die Hänge steil bergab. Ich kann die Ausblicke auf die prächtige Berglandschaft nicht genießen. Die Finger spielen nervös mit der Kordel der Wetterjacke. Ich rutsche auf dem Sitz hin und her, finde allerdings keine bequeme Position. Ich bin unruhig, habe regelrecht Angst, den Felsen zu sehen, an dem das Flugzeug zerschellte. Unser Kind und alle Insassen wurden zerrissen, nur weil der Copilot ihre Leben bewusst ignorierte. Meine Furcht dämmt die Wut auf ihn.
img_7094-1024x683Nach etwa 20 Minuten erreichen wir den geräumigen Sattel. Der Col de Mariaud liegt in einer Höhe von 1500 m. Nicht weit vom Fahrzeug steht neben einer Schutzhütte ein Dixiklo, das vor dem Absturz nicht existierte. Der blaue Container nimmt sich in der einsamen Natur merkwürdig aus. Sie wird sich an die Trauernden gewöhnen müssen. Bisher waren ihr Jäger und vereinzelte Wanderer vertraut. Viele Hinterbliebene verspüren den Drang, dem Ort des Schrecklichen gegenüberzutreten. Seit Ende Oktober ist es möglich, näher an die Unglücksstelle zu gelangen. Sie selbst bleibt weiterhin gesperrt.
Es gibt einen Plan, auf dem Col ein Gedenkhaus zu errichten, in das die Erinnerungsstücke, die sich zur Zeit im Andachtsraum von Le Vernet befinden, umziehen sollen. Darüber hinaus ist von einem Denkmal die Rede.
20151229_120827-2-1024x576Gemeinsam mit dem Betreuer lassen wir eine Absperrung hinter uns. Nach einigen Metern geben die Bäume die erste Sicht auf den unheimlichen Ort frei. Ich beginne zu erstarren.
»Wollen Sie wissen, wie es genau geschehen ist?«
Wir nicken: »Unbedingt.«
Er erklärt, dass die Maschine den Weg, auf dem wir stehen, gekreuzt hat und weist die Richtung des Fluges. Er beschreibt, wo sie an den Berg prallte. Es gebe eine Markierung, die man von anderen Stellen der Piste aus sehen kann.
Die Gefühle nehmen mir die Fassung, die Augen krallen sich an dem beschriebenen v-förmigen Felsengebilde fest, das in der Mitte von einem Bergrücken unterteilt wird,  der zum Ort des Unheils wurde.

20151229_122251-2-1024x576Lars drückt mich an sich. Nach einer Weile habe ich die Nerven wieder im Griff.
Die Sonne vertreibt die dunklen Wolken und leuchtet die todbringenden Felsen milde an.
Er fragt, ob er uns weiterhin begleiten soll. Wir lehnen ab, wollen lieber für uns sein. Er versteht und sagt, dass der Weg, auf dem wir uns gerade befinden, direkt zur nächsten Absperrung führt. Es sei verboten, sie zu überwinden, denn das Betreten der Absturzstelle sei amtlich untersagt. Er erzählt, dass der Metallzaun zwei Meter hoch ist und als unüberwindbar gilt. Wir werden auf mögliche Gefahren und Verantwortlichkeiten hingewiesen. Er hat schon recht, aber …
Allerdings muss er ahnen, was wir planen und zieht die folgenden Worte besonders lang: »Was ich nicht sehe, kann ich leider nicht beeinflussen«.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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