28.12.2015, Montag – 5. Reise nach Le Vernet (3)

Vom Andachtsraum bis zum Friedhof laufen wir einen knappen Kilometer. Die Rose in meiner Hand kennzeichnet uns als Opferangehörige des Fluges 4U9525. Die wenigen Bewohner, die uns begegnen, grüßen mit einem freundlichen »Bonjour.«
Meist alte, oft verfallene Häuser aus rustikalem Gestein, säumen die Straße. An einigen hängen Schilder mit dem Hinweis »À vendre« (zu verkaufen).
Linkerhand passieren wir die Kirche Sainte-Marthe. Ihr folgt der kleine Friedhof, der für das Grab mit den nichtidentifizierbaren menschlichen Überresten erweitert wurde. Wir binden die Rose mit Kieferzweigen zusammen, die von einem Baum stammen, den Jens vor zwanzig Jahren mit seinem Bruder und Vater gepflanzt hatte.

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Die Sonne lässt sich von der traurigen Stimmung nicht beeinflussen und erhellt die Szenerie. Wir verweilen eine Ewigkeit. Schließlich zünden wir in Gedenken an alle Getöteten eine Kerze an.
»Grüße unsere Lieben von uns« … und … »Schön, dass immer einer von uns in Frankreich ist … so sind unsere Lieben nie alleine« … oder … »Ich weiß, dass jeder, der dort ist, eine Kerze anzündet und das ist schön«, so oder ähnlich lauten die Kommentare in unserem Netzwerk, wenn wir uns gegenseitig Fotos aus Le Vernet schicken. Es wurde von und für die Angehörigen gegründet.
Zögernd wenden wir uns ab: »Tschüss Jens«. Wir winken dem Grab zum Abschied zu. Ich bin froh, dass wir morgen wieder kommen.

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Wie vereinbart, wartet der Chauffeur vor dem Friedhof, um uns in das Restaurant von Le Vernet zu bringen, denn wir wissen nicht, wo es sich befindet.
Da die Gaststätte direkt an der Landstraße liegt, wird sie neben den Einheimischen auch von Durchreisenden aufgesucht.
Der Kellner kommt und stellt mit einem Wortschwall in seiner Muttersprache das Tagesmenü vor.
Ich bin ein einziges Fragezeichen. Auf meine Bitte hin, spricht er langsamer und ich vermeine, die Vokabel für Wildschwein zu verstehen. Er bestätigt dies, indem er mir im Nachbarraum einen an die Wand gezeichneten Keiler zeigt.
Jetzt beginnt er wortreich und mit Charme, einen Salat zu erklären. Die vielen Zutaten, die er nennt, machen mich misstrauisch, da ich die Hälfte nicht übersetzen kann. Er geht mit mir an einen Tisch, an dem ein Familienvater genüsslich an solch einem Salat kaut. Bereitwillig präsentiert er mir seinen Teller, damit ich genauestens erkenne, worum es sich handelt. Die Situation ist zu komisch. Wir lachen. Letztendlich studieren wir noch die französische Speisekarte, eine englischsprachige gibt es nicht.
Ich glaube, es ist kein Klischee, wenn ich annehme, dass den meisten Franzosen Fremdsprachenkenntnisse egal sind. Dafür können sie um so besser kochen. Es schmeckt vorzüglich.
Der Chauffeur lässt sich vom Kellner den Schlüssel zur Kirche Sainte-Marthe geben.
Im Gotteshaus ist es kalt. Wir zünden eine von den bereitgestellten Kerzen an und stellen sie neben eine Vase, aus der frische Blumen schauen.
Den Abend verbringen wir im Hotelrestaurant. Am Nachbartisch nehmen die uns unbekannten Angehörigen Platz.
Ich spreche sie an: »Woher kommen Sie?«
»Niederlande.« Sie nennen ihren Heimatort und erklären, wo er liegt. »Wen habt ihr verloren?«, werden wir zurückgefragt.
»Unseren Sohn. Und ihr?«
»Unsere Tochter.« Die Mutter, die vorher noch gelacht hat, verzieht ihr Gesicht, um die Trauer zu überspielen. Er spricht gut deutsch, sodass wir uns problemlos verständigen können. Sie reichen ein Foto herüber. Eine junge Frau lächelt uns an.
Auch wir zeigen Fotos von Jens.
Er erzählt, dass sie die einzige Familie aus ihrem Land sind, die ein Opfer zu beklagen haben. Daher würden die dortigen Medien wenig über die Katastrophe und deren Folgen berichten. Kontakte zu anderen Hinterbliebenen haben sie kaum. Wir tauschen unsere Daten aus.
© Brigitte Voß

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