28.12.2015, Montag – 5. Reise nach Le Vernet (2)

Wir treffen uns mit dem Betreuer in der Eingangshalle des Hotels, wo vier weitere Angehörige warten. Das Ehepaar kennen wir noch nicht. Ihr Ziele sind Le Vernet und der Col de Mariaud. Was sie sich an einem Tag vorgenommen haben, verteilen wir auf zwei. Unser Plan ist, den heutigen Tag in Le Vernet zu verbringen, ohne Hektik und in aller Besinnung, während wir morgen erneut in das Bergdorf möchten, um mit einem Allradfahrzeug zum Col gebracht zu werden. Wir wollen zum ersten Mal mit eigenen Augen das Katastrophengebiet sehen.
Das von Germanwings organisierte Shuttle trifft zur vorgesehenen Zeit ein. Die Straßen, die Ortschaften und die Landschaften, die sich durch die abgetönten Fenster zeigen, sind uns allmählich vertraut. Nach einer rund zweistündigen Fahrt erreichen wir das Dorf in den Alpen, das durch die Katastrophe eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Hier befinden sich die Stele, die die Medien gern im Bild festhalten, das zweite Grab, der Andachtsraum sowie ein Arbeitsstützpunkt von Lufthansa, in dessen Nähe der Chauffeur parkt.
20151228_115108-1024x576Die Berge, hinter denen sich das Unfassbare ereignete, schauen sanft auf uns herab. Wir legen eine Rose vor die Stele und daneben Kienäpfel, die wir von dem Campingplatz mitgebracht haben, den Jens so sehr liebte. Es ist ein freundlicher Tag.
Die anderen Angehörigen steigen in ein wartendes Fahrzeug, um zum Col de Mariaud zu gelangen.
Wir sind allein. Um uns herum ist es ruhig. Es ist die absolute Stille, die uns Menschen kaum noch vertraut ist und von einigen nicht mehr ertragen werden kann.
Wir öffnen die Tür zum Gedenkraum, in dem sich die Erinnerungsstücke an die Opfer befinden, die die Familien liebevoll auf die Ablagen verteilt haben. Wir kennen sie nur zu gut, die Fotos, Engel, Schmuck, die Briefe und Zeichnungen an die vermissten Lieben, die wir niemals wieder umarmen können. Ich streiche über den Triathlonanzug von Jens, der vor uns liegt, und ziehe den Reißverschluss auf und zu, auf und zu, auf und zu … Wie oft hatte er dies mit Freuden getan, nahm er an den Wettkämpfen teil. Mein Mann stellt einen Schokoladenweihnachtsmann neben sein Foto. Er denkt an alles. Viele schwermütige Minuten bleiben wir vor dem Tisch stehen.
Wir verlassen den Raum und schließen ab. Lars hat uns vorübergehend den Schlüssel überlassen.
Der Chauffeur kommt auf uns zu, weil er uns zum Friedhof fahren will. Wir verständigen uns mal auf Englisch, mal auf Französisch, dass wir es bevorzugen, zu laufen.
So gehen wir durch den Ort, der in einer Höhe von 1200 m liegt und etwa 120 Einwohner hat. Auch sie sind für immer mit der bedrückenden Katastrophe verbunden. Menschen, die sie nicht kennen und die sich in fremden Sprachen unterhalten, besuchen ihre Heimat, die niemals wieder so sein wird, wie sie einmal war.

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Betrachten sie die Berge, die sie vielleicht durch ihr ganzes Leben begleitet haben, werden sie an einen teuflischen Massenmord erinnert. Sie und wir wurden in ein Geschehen gepresst, das wohl jeder mit allen Mitteln versucht hätte, zu verhindern, hätten wir es vorher gewusst. Hätte, hätte … Wir sind ein Spielball des Schicksals, werden wahllos hin und her geworfen, sodass Zufälle, die miteinander verkettet sind, unser Dasein bestimmen. Was wäre, wenn … , wie wäre in diesem Fall ein Lebensweg verlaufen?
Ich hasse Konjunktive.
© Brigitte Voß

(Fortsetzung folgt)

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