27.12.2015, Sonntag – 5. Reise nach Le Vernet (1)

Weihnachten können wir endlich abhaken. Irgendwie haben wir die Zeit überstanden. Die Lücke, die der Tod von Jens in die Familie gerissen hat, schmerzte mehr denn je. Obwohl wir die Tage gemeinsam verbrachten, trat das Bewusstsein, dass er nie wieder kommt, mit einer Brutalität zutage, wie ich es nicht erwartet hatte. Heilig Abend besuchten wir Jens auf dem Friedhof. Jeder hing traurigen Gedanken nach, während wir die Gestecke richteten und Kerzen anzündeten. Die kleine Enkelin plapperte fröhlich daher und forderte mit ihrem Kleinkinder-Charme unbedingte Aufmerksamkeit ein. Sie ist ein Sonnenschein in dieser schwärzesten Dunkelheit jeglicher Existenz.

Wir reihen uns in die Warteschlange am Check-in des Flugplatzes, um das Gepäck aufzugeben und um die Tickets nach Marseille zu erhalten. Ich beobachte die Bewegungen der Angestellten, die hinter dem Schalter sitzt. Sie hebt den Blick und sofort flackert gegenseitiges Erkennen in den Augen auf. Es ist Frau Zeisel, die uns auf der ersten Reise nach Le Vernet, nur wenige Tage nach dem Absturz, gemeinsam mit einer Kollegin begleitete und für uns da war. Die Freude über das Wiedersehen ist groß. Wir unterhalten uns viele Minuten, obwohl sie alle Hände voll zu tun hätte, da ein Flug storniert worden ist.
Sie interessiert, wie es uns ergangen ist, erzählt von sich, dass sie längere Zeit nicht in der Lage war, Angehörige zu betreuen, weil die psychische Verarbeitung der Begegnungen nicht leicht war. Das verstehe ich nur zu gut.
Die Sicherheitskontrolle testet meinen Mann auf Sprengstoff. Ein Teststreifen wird über die Jacke gewischt und vor Ort in einem Analysegerät auf entsprechende Partikel ausgewertet. Der Beamte erklärt auf meine neugierige Frage hin, dass der Test nicht eindeutig sei, da Spuren von Sprengstoff zum Beispiel auch in Kosmetika enthalten sein könnten.
In München haben wir einen zweistündigen Aufenthalt. In der Lounge flimmert ein Fließtext mit den neuesten Nachrichten über einen Bildschirm:
»Dobrindt plant Alkohol- und Drogenkontrollen für Piloten – Keine Chance für Alkohol, Drogen und Medikamente im Cockpit – Piloten deutscher Airlines müssen sich im kommenden Jahr auf unangemeldete Kontrollen durch ihre Arbeitgeber einstellen.«
Diese Pläne gehen auf die Vorschläge einer Task Force zurück, die unmittelbar nach dem Absturz des Airbusses in den französischen Alpen gegründet worden war.
Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Hätte man damit das Unheil von Germanwings verhindern können? Die Frage bleibt im Raum stehen.
Wir warten angeschnallt im Flugzeug auf den Start. Die Vorhänge zum vorderen Bereich des Flugpersonals sind geöffnet, sodass ich die Stewardess, die die Flugdaten durchgibt, sehen kann und sie mich ebenfalls. Ihr Redefluss verlangsamt sich, wird stockend. Schließlich stutzt sie, wendet sich hastig an eine Kollegin und fragt etwas. Ich vernehme die leise Antwort, die ihr den Zielort, »Marseille«, mitteilt.
Ich schmunzele. Kurze Zeit später kommt sie an meinen Platz, um sich zu entschuldigen. Weil sie viele Flüge begleite, habe sie momentan vergessen, wohin es ginge.
20:45 Uhr landen wir.

Die französischen Beamten kontrollieren beim Auschecken die Ausweise. Das ist neu. Seit den Terroranschlägen vom 13. November in Paris befindet sich Frankreich im Ausnahmezustand.
Der Fahrer des Shuttles, der uns in ein Hotel nach Aix-en-Provence bringen soll, steht am Ausgang mit einem Schild, auf dem wir unseren Namen lesen.
Alles klappt, die Reise wurde von Lufthansa organisiert.
Das Hotel kennen wir bereits. An der Rezeption begrüßen uns zwei Betreuer der Fluggesellschaft, Lars und Maria. Nach dem Auspacken der wenigen Sachen sitzen wir mit ihnen im Hotelrestaurant, um den Plan für den morgigen Tag zu erfahren und um uns näher kennenlernen.
Es ist, wie so oft: Er ist der Ruhigere, hört aufmerksam zu, während sie die Gesprächigere, Emotionalere ist. Sie stellt gern Fragen, um zu ergründen, was in uns vorgeht. Ich empfinde es nicht als Neugierde oder Aushorchen, weil die Beantwortung mir zuweilen hilft, Dinge klarer zu sehen.
Die französischen Hotelbetten treiben meine chronische Schlaflosigkeit voran. Obwohl ich ein Leichtgewicht bin, sinke ich tief in die Doppelmatratze ein. Andererseits erzeugt mein Mann auf ihr ein regelrechtes Erdbeben, wälzt er sich im Bett herum. Dabei werde ich in die Höhe katapultiert (übertrieben bildhaft). Für uns beide ist die einzige Zudecke zu schmal. Des Nachts ziehen wir sie uns gegenseitig weg. Ich wundere mich, wie das mit einem beleibten Ehemann wäre. Jeden Abend zerren wir sie mühsam am Fußende und den Seiten aus der Matratze heraus, obgleich das Zimmermädchen sie (sicher genau so mühsam) unter die Ränder gestopft hat. Wir sind es gewohnt, das Deckbett beim Schlafen, um unsere Körper zu schlingen, damit es rundum kuschelig warm ist. Vorher stapeln wir eine Unzahl fülliger, weicher Kissen auf die umstehenden Sitzgelegenheiten, um im Bett überhaupt Platz zu haben.
Andere Länder, andere Schlafsitten. Allerdings, wichtig ist das nicht. Morgen sind wir bei Jens.

© Brigitte Voß

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