19.12.2015, Sonnabend – gespaltene Welten

Wir haben beschlossen, zwischen Weihnachten und Neujahr nach Le Vernet zu fliegen, um bei Jens zu sein. Wir wollen so nah wie nur möglich an die Absturzstelle gelangen. Die Sicherheitszone wurde erheblich verkleinert, sodass man aus einer gewissen Entfernung das Absturzgebiet einsehen kann. Vielleicht können wir die letzte Absperrung umgehen, um direkt dem Horrorfelsen gegenüberzustehen? Angehörige haben uns einen entsprechenden Weg beschrieben. Wir müssen mit eigenen Augen sehen, um besser zu verstehen. Verarbeiten wird man das Grauen nie.
Ein geöffnetes Paket liegt auf dem Küchentisch. Ich blättere in einem Fotobuch, das der bester Freund Jens mit viel Liebe zusammengestellt hat. Die Bilder zeigen die Erlebnisse ihrer Fahrradtouren durch den Schwarzwald, durch Österreich/Südtirol sowie beim legendären Stollebacken, usw. Ich bin traurig, zugleich freue ich mich über die gemeinsame Zeit, die die beiden verbringen durften. Mit dem Buch kommt seine freundschaftliche Verbundenheit zu unserem Sohn zum Ausdruck.
Menschen, die uns gut oder kaum kennen, wünschen einen schönen Advent. Man macht das so, es ist gut gemeint und üblich. Allerdings zersplittern dabei meine Gefühle. Ich überspiele den seelischen Schmerz, setze eine freundliche Miene auf und erwidere dasselbe, um die Etikette zu wahren. Was bleibt mir anderes übrig? Erklärungen sind kompliziert.
Noch im vorigen Monat ist es mir gelungen, den Dezember vollkommen zu verdrängen. Um so größer war der Stich, den ich im Herzen empfand, als ich die erste Weihnachtsdekoration auf den Straßen sah. Ich war regelrecht überrascht. Plötzlich ist Advent. Die Zeit bis Weihnachten wird täglich überschaubarer.
Ich habe den Eindruck, die ganze Welt spielt verrückt. In den Geschäften und Fußgängerzonen drängen sich die Leute. Auch wir fahren in das Zentrum der Stadt, um für die Enkelin Geschenke zu kaufen. Ihre Eltern haben uns für Heiligabend und den ersten Feiertag eingeladen. Darüber sind wir sehr froh, denn die kleine Sassa wird uns von den erdrückenden Gedanken ablenken. Sie erlebt das Fest zum ersten Mal bewusst. Ich bin neugierig, wie sie reagieren wird. Das, die Familie und der erwartete Nachwuchs geben uns Halt. Bald wird ein Ultraschallbild zeigen, dass es ein Junge wird. Ich weiß es bereits.
Wir streifen durch die Einkaufstempel mit dem Schwerpunkt Spielzeug.
Auf dem Weihnachtsmarkt wollen wir eine Kleinigkeit essen. Es ist wie jedes Jahr. Die Verkaufsstände bieten Lebkuchen, Stollen, Weihnachtsschmuck, Edelsteine, Kerzen, usw. an. An Imbiss- und Glühweinständen mangelt es nicht. Sie verbreiten weihnachtlich gewürzte Düfte, die in meine Nase krauchen. Die Bildsequenzen, die dabei die Erinnerung aus den Tiefen des Gehirns hervorwühlen, quälen und schmerzen. Aus den Lautsprechern dringen weihnachtliche Weisen zu mir herüber. Sie vermehren den Fluss der wehmütigen Momentaufnahmen vergangener glücklicher Zeiten. Ich halte mir abwechselnd die Nase oder die Ohren zu. Es ist vergebens. Ich blicke starr zu Boden und bugsiere meinen Mann in das nächste Kaufhaus.
Der Versuch von Thomas, uns zu überreden, mit ihm in den Wald zu fahren, um dort einen Weihnachtsbaum zu schlagen, ist gescheitert. Dennoch, ein kleines Bäumchen im Blumentopf haben wir gekauft. Es steht auf dem Grab von Jens, geschmückt mit bunten Minikugeln.20151218_171824-2-1024x970
Wie verbringt man nach solch fürchterlichen Monaten die Wochen, die uns gegenwärtig überrollen?
Das bevorstehende Fest ist in unserer Kultur massiv verankert und für die meisten Familien mit besonderen Gefühlen und Traditionen verbunden. Derzeit sehne ich mich nach einem Land, wie beispielsweise Japan, in dem Weihnachten mehr ein »Party-Vergnügen« ist und im Vergleich zum Japanischen Neujahr eine untergeordnete Rolle spielt. Vom 24. bis zum 26. Dezember wird gearbeitet.
Die Festtage in Deutschland zu ignorieren, ist schwieriger, als ich zunächst angenommen hatte.
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “19.12.2015, Sonnabend – gespaltene Welten”

  1. Liebe Brigitte,
    Deine Gefühle und Gedanken kommen mir wieder einmal sehr bekannt vor…

    Jetzt steht Weihnachten wieder vor der Tür… Und immer das Gleiche.
    2 Tage vor Heilig Abend jährt sich der Tod unseres Sohnes zum 11. Mal.
    Die Adventszeit ist und bleibt eine traurige Zeit…

    Gibt es die Möglichkeit privat mit Dir zu schreiben?

    Ganz liebe Grüße
    Tina

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