15.12.2015, Dienstag – menschliche Überreste

♦ ACHTUNDDREIßIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Ich mache mir Gedanken, wie wir Heiligabend und den 31. Dezember verbringen werden. Am liebsten möchte ich an das Grab gehen, um dort einige Stunden bei Jens zu sein, zum Jahreswechsel gern gegen Mitternacht. Es wäre tröstlich und beruhigend, mit ihm das neue Jahr zu begrüßen. So viele Weihnachten und Silvester haben wir zusammen gefeiert. Warum nicht auch jetzt, wo er tot ist?
Ich hänge der Vorstellung nach, bis mich mein Mann darauf hinweist, dass der Friedhof mit dem Dunkelwerden schließt. Ist das menschenfreundlich? Die Friedhofsordnung verbietet es mit ihren sturen Öffnungszeiten.
Natürlich würde es traurig sein, am Grab des eigenen Kindes mit den Erinnerungen an die glücklichen Zeiten zu stehen, die ein für alle mal vorbei sind. Andererseits bin ich überzeugt, dass die vertraute Verbindung mit ihm, gerade in derartigen Situationen, intensiver zutage tritt und sogar eine gewisse Fröhlichkeit erzeugen könnte.
Es gibt Länder, wie zum Beispiel Mexiko, in denen Feste gemeinsam mit den Toten begangen werden. Familie und Freunde versammeln sich am Grab und feiern. Es wird gegessen, getrunken und gelacht. Kein Problem. Der Verstorbene darf teilnehmen. Offenbar strahlt der Friedhof für die Mexikaner nicht nur Verzweiflung aus.
Bei ähnlichem Verhalten in unserem Kulturkreis würden mich befremdende Blicke der Friedhofsgänger treffen.
Auf den Philippinen, in Mali, wohnen Menschen zwischen oder in den Grüften. Zwar treibt sie die Not dorthin. Immerhin, es ist gestattet. Neben den Gräbern tobt das Leben.

Besonders in der Adventszeit fällt es schwer, die Antriebslosigkeit zu überwinden. Die guten Vorsätze aus der Kur wirken zunächst Wunder. Ich rufe die Sportgruppe an, um zu verkünden, dass ich die Reha-Maßnahme zur Linderung der chronischen Schmerzen im neuen Jahr erneut aufnehme. Wohl ist mir dabei nicht.
Angenehmer ist, dass mein Mann und ich in die Schwimmhalle gehen und versuchen, uns auf die für uns üblichen 2300 m hochzutrainieren.
Allerdings hat sich die riesengroße Erschöpfung wieder eingestellt. Wie lange müssen wir noch mit ihr kämpfen?
Die E-Mail des Rechtsanwaltes trudelt mit einer Meldung ein, die uns in helle Aufregung versetzt. Er bestätigt nach Rücksprachen mit dem Sonderbeauftragten der Bundesregierung und der Lufthansa, dass weitere menschliche Überreste im Rahmen der Umweltsanierungsarbeiten auf dem Berg gefunden worden seien, obwohl die Absturzstelle im Mai einer gründlichen Nachinspektion durch die französische Gendarmerie unterzogen wurde. Diese sterblichen Reste sollen sehr klein sein. Angehörige hätten davon erfahren und bei ihm angefragt.
Der Horror hört niemals auf. Mein Magen liegt wie ein harter Klumpen im Bauch. Ich habe mich damit abgefunden, dass zwei Gräber vorhanden sind. Und nun das!
Unerwartet kommt es nicht, weil es wahrscheinlich ist, dass durch Erdbewegungen, hervorgerufen durch Regen, Wind und Schneeschmelze, derartige Dinge zutage gefördert werden. Nur, trifft der Fall ein, kann man die Fakten nicht mehr verdrängen. Es ist grauenhaft, und Weihnachten naht.
Werden die Reste der Verstorbenen identifiziert, um sie an die betreffenden Familien zu überführen? Ich möchte alles, was zu Jens gehört, im Leipziger Grab wissen. Vermutlich wird sich niemand die Mühe machen, die DNA der winzigen Teile zu ermitteln. Die Folge wäre eine anonyme Bestattung oder keine. Es heißt, die weitere Verfahrensweise unterliege französischem Recht. Eine Antwort aus Frankreich stehe noch aus.
Die menschlichen Überreste befinden sich bei der Gendarmerie in Digne-les-Bains.
Warum erfahren wir von diesen Vorkommnissen erst auf Nachfrage und nicht offiziell?
Nie werden wir zur Ruhe kommen! Unser Sohn wurde zerfetzt, das ist grausam genug.
Draußen, in der anderen Welt, erfreuen sich die Menschen an der Adventszeit und bereiten die Feiertage vor.
© Brigitte Voß

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