12.12.2015, Sonnabend – 5. Angehörigentreffen der Notfallseelsorge

Wir nehmen in Kaiserswerth bei Düsseldorf am Angehörigentreffen der Notfallseelsorge teil. Das letzte Mal waren wir im Juni anwesend und haben somit zwei Zusammenkünfte versäumt. Thema der Veranstaltung ist der Umgang mit der Advents- und Weihnachtszeit. Der Erfahrungsaustausch mit betroffenen Hinterbliebenen soll uns helfen, eine Orientierung zu finden. Referenten und Fachleute sind nicht geladen.
Bedrückt, aber neugierig, sitzen wir in der großen Runde. Ich spüre erneut diese geballte Traurigkeit, die über uns schwebt und auf mir lastet. Es ist gut, sich dabei zu öffnen. Um so tiefer wirken die Gespräche und können Stärkung geben. Allein zu hören, dass die anderen ebenso wie wir mit den gestörten und verwirrenden Empfindungen, die die vorweihnachtliche Zeit und das Fest betreffen, ihre Schwierigkeiten haben, gibt ein Gefühl von Gemeinschaft, das mir einen gewissen Trost spendet. Ich bin bereit, jeden Strohhalm zu ergreifen.
Diejenigen, die das erste Mal an solch einem Treffen teilnehmen, müssen oft mit den Tränen kämpfen.
Angehörige berichten, dass die Familiensituation von ihnen erwartet, sich nicht gehen zu lassen, was schwerfällt. Während mein Mann und ich die Weihnachtszeit vollkommen ignorieren und auf Adventsschmuck bis hin zum geschmückten Baum in der Wohnung verzichten (was wir noch nie getan haben), ist das für Familien mit kleinen Kindern nicht möglich. Sie erwarten, dass ein Weihnachtsbaum aufgestellt wird, dass es Geschenke gibt, die womöglich der Papa als verkleideter Weihnachtsmann austeilt, usw., ungeachtet des Verlustes ihrer Lieben. Die betreffenden Eltern sind bereit, die üblichen Zeremonien zu bieten, nur können diese nicht mehr ausgelebt werden, da eine Person brutal und für immer aus ihrer Mitte gerissen wurde. Ihre Gefühle stehen dabei auf dem Kopf.
Der erste Jahrestag der Katastrophe kommt zur Sprache. Im letzten Treffen erarbeiteten die Teilnehmer gemeinsam mit dem Team der Notfallseelsorge Ideen, wie man den Gedenktag nächstes Jahr gestalten könnte. Leider muss ich hören, dass die Kooperation mit der Lufthansa nicht funktioniert. Woran das liegt, bleibt mir ein Rätsel.
Ob wir überhaupt zu dem geplanten Jahresgedenken nach Le Vernet fahren, wissen wir noch nicht. Vielleicht wollen wir an dem Tag für uns sein. Gedenken hat etwas mit Ruhe zu tun.
In der Pause unterhalten wir uns mit einem Ehepaar, das, wie wir, kürzlich von einer Kur zurückgekehrt ist. Auch ihnen hat die Kur Anregungen gegeben, doch zuhause holt sie der triste Alltag mit all seiner Trauer ein. So unmittelbar vor Weihnachten haben sie das Empfinden, als wanke der Boden unter ihren Füßen.
Wir sitzen wieder in der Runde. Eine Angehörige berichtet von ihrem gestörten Verhältnis zu Gott. Während sie davon erzählt, kann sie ihre Gefühle kaum beruhigen, die Tränen siegen. Früher sei sie regelmäßig in die Kirche gegangen. Seit der Katastrophe sei das vorbei. Sie könne beim besten Willen nicht mehr beten.
Ich bemerke, wie einige vehement nicken und murmeln:»Das geht mir ebenso.«
»Warum hat Gott so etwas Schlimmes zugelassen?«, wirft sie vorwurfsvoll in den Raum.
Das interessiert mich ebenfalls. Die raren Antworten, die kommen, sind meiner Meinung nach, nicht schlüssig, allerdings bin ich keine Christin.
Wir hören uns gegenseitig zu und verstehen zutiefst, mit welchen Problemen der andere zu kämpfen hat. Klare Lösungen werden uns nicht präsentiert, das ist unmöglich. Doch das Reden, der Austausch, stärkt ein Gemeinschaftsgefühl, dass Halt gibt.
Die Veranstaltung wird mit einer Weihnachtsgeschichte beendet, die sich, wenn ich mich recht erinnere, im Hause Bonhoeffer ereignete (Dietrich Bonhoeffer – Theologe und Widerstandskämpfer im Dritten Reich, ermordet 1945 im Konzentrationslager):
Vom Weihnachtsbaum, der in der Stube stand, wurde ein Ast abgeschlagen und auf das Grab gelegt. Als Folge klaffte im Baum eine Lücke. Für die Familie Bonhoeffer war sie ein Symbol für den Toten, den sie so sehr vermissten. Nie konnte sie wieder geschlossen werden.

© Brigitte Voß

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