10.12.2015, Donnerstag – Advent, Heiligabend, Ostern – Jesus

Der Umgang mit gewissen Daten ist für jeden schwierig, der einen Verstorbenen zu beklagen hat. Geburtstage, Feier- und sonstige Gedenktage wühlen quälend Erinnerungen an den Menschen hervor, den wir lieben und der uns für immer verlassen hat.
Für uns Hinterbliebene der Germanwings-Katastrophe gehört die Zahl 24 dazu. Es ist nur eine Größe, bestehend aus den Ziffern zwei und vier. Die fernen Vorfahren hätten mit jenem abstrakten Konstrukt nichts anzufangen gewusst. Trotz der Tatsache, dass die 24 etwas künstlich Geschaffenes darstellt, hat sie für uns eine besondere Bedeutung. Seit dem Massenmord am 24. März verfolgt sie uns monatlich.
Hinzu kommt, dass sie in unserem Kulturkreis mit Heiligabend zusammenfällt, den Christen und Nichtchristen feiern. Tiefe Gefühle und Familienzeremonien sind damit verbunden. Für die Angehörigen, die ich kenne, sind diese erheblich gestört, dazumal es am 24. Dezember ein Dreivierteljahr her ist, dass ein Wahnsinniger unsere Lieben brutal ermordet hat.
Mit Beginn der Adventszeit haben mein Mann und ich den Eindruck, durch eine fremde Welt zu wandeln, nicht richtig dazuzugehören. Da sind Familie und Freunde offenbar machtlos.
Wir geben uns Mühe, aber …:
Voller guter Vorsätze sind wir aus der Kur zurückgekehrt. Ein wesentlicher lautet: ›Sich gehen lassen, gilt nicht mehr‹.
Wir besitzen ein Konzertanrecht. Seit dem Flugzeugabsturz verfallen regelmäßig die Karten. Daher beschließen wir, das nächste Konzert, zufällig ein Weihnachtskonzert, zu besuchen. Wider aller Gewohnheit vergesse ich, vorher Informationen über das Programm einzuholen.
Wir sitzen im Konzertsaal. Die Aufführung beginnt mit den ersten zwei Kantaten des Weihnachtsoratoriums von Johann-Sebastian Bach. Der Chor singt: »Jauchzet, frohlocket …«. Die unmittelbar folgenden Paukenschläge wummern direkt in meine Gefühle. Obwohl ich den Text des Musikstücks kenne und mir die christliche Bedeutung von Weihnachten bekannt ist, nehme ich auf einmal die Geschichte um Jesus Christus in einem überdeutlich klaren, etwas anderen Licht, wahr.
Advent und Heiligabend – die freudige Erwartung und die Geburt eines Kindes. Und das soll ich feiern? Aufmerksam verfolge ich den Gesang.
In dem Bewusstsein, dass Jens tot ist, taucht er als Neugeborener vor mir auf. Wie habe ich mich damals auf ihn gefreut. Jede Bewegung des kleinen Körpers in meinem Bauch wurde mit Begeisterung wahrgenommen. Trotz der zunehmenden Bangigkeit vor dem Kreißsaal, war ich ungeduldig, das Baby endlich auf die Welt zu bringen.
»… auf, preiset die Tage …«, dringt die jubelnde Freude des Oratoriums zu mir. Ich spüre dem Glück nach, das ich empfand, als ich den für mich prächtigsten Säugling in den Armen hielt. Das war so ein friedlicher Moment und einfach nur schön.
Ich seufze.
Mein Mann blickt zu mir. »Wollen wir gehen?«
Ich schüttele mit dem Kopf.
Plötzlich sehe ich Jesus am Kreuz vor mir, wie er über einen langen Zeitraum gemartert wurde. Die Qualen müssen unbeschreiblich gewesen sein.
›Christus wurde ermordet. Auch er ist ein Gewaltopfer!‹, erkenne ich. So habe ich die Geschichte bisher nie gesehen.
Die Bühne mit Chor und Musikern taucht scheinbar in den Hintergrund. Die freudigen Rhythmen entfernen sich, sie werden leiser. Unwillkürlich höre ich in meinem Inneren eine männliche Stimme: ›Mein Vater, mein Vater, warum hast du mich verlassen?‹ Jesus soll diese Worte in höchster Not gerufen haben.
Jens war allein, hatte fürchterliche Angst. Ich war nicht bei ihm, als er erkannte, dass der Flieger abstürzte. Wie gern hätte ich ihm die Panik genommen! Am liebsten seinen Platz eingenommen …
Hätte, hätte … Es ist alles hypothetisch.
Weihnachten naht, und ich bin immer noch nicht aus dem Albtraum erwacht.
© Brigitte Voß

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