09.12.2015, Mittwoch – nach der Kur

Ich sehne mich nach der Kur zurück, nach dem Meer, den Therapien und dem geregelten Lebensplan.
Ein Stapel von Formularen, der sich in unserer Abwesenheit angehäuft hat, wartet darauf, ausgefüllt zu werden. Wir hatten ihn die letzten sechs Wochen großzügig beiseitegeschoben und konnten ihn ignorieren. Es handelt sich um Angelegenheiten, die den Rechtsanwalt, die Lufthansa, das Erbe, das Seniorenheim, wohin die Schwiegermutti umziehen muss, weil das bisherige schließt, usw. betreffen. Die 93-jährige Oma ist dement. Stets, wenn wir zu ihr gehen, bangen wir, dass sie nach ihrem Enkel fragt, denn wir hatten beschlossen, ihr nichts von seinem Tod zu erzählen. Im Moment des Gesprächs versteht sie den Inhalt, vergisst ihn allerdings schnell. Doch wer weiß, ob nicht jener kurze Augenblick ausreicht, ihr den Todesstoß zu versetzen. Sie verlor ihren Sohn, den Bruder meines Mannes, als er zwölf Jahre alt war. Natürlich liebte sie Jens über alles. Und so leben wir mit der Angst, die die Lüge mit sich bringt. Wir fürchten den nahenden Besuch bei ihr, obwohl Fotos an ihrer Zimmerwand sie nicht mehr an ihn erinnern.
Der Erbschein, den wir bereits im Juli beim Amtsgericht beantragt hatten, ist eingetroffen. So können wir endlich die Erbangelegenheiten regeln, das heißt, uns mit Beratern, Geldinstituten und sonstigen Ämtern in Verbindung setzen.
Auch die Informationen von Lufthansa, dem Rechtsanwalt und dem Sonderbeauftragten der Bundesregierung, der für die Belange der Hinterbliebenen zuständig ist (sein sollte!), müssen aufgearbeitet werden. In einer ersten Mitteilung lesen wir, dass die Auswertung der Speicherkarten der Handys und Kameras sowie weiterer Datenträger durch die französischen Untersuchungsrichterinnen nahezu beendet sei und an die Angehörigen zurückgegeben würden, vorausgesetzt, sie wünschen es. Eine andere Stelle korrigiert drei Wochen später dahingehend, dass die Speichermedien zunächst noch bei den französischen Behörden verbleiben.
Ihre Rückgabe wird von uns mit Spannung erwartet. Sind womöglich Fotos darauf? Letzte Meldungen unserer Lieben? Oder gar Hinweise auf die letzten Minuten/Sekunden in dem Todesflieger? Die meisten von uns wollen das wissen. Wir müssen einfach alles damit Zusammenhängende erfahren, auch wenn es quält und die Nerven schreien.
Eine Nachricht kommt vom Bürgermeister von Le Vernet. Er teilt mit, dass eine Webcam mit Blick auf die »Chaîne de la Blanche«, Bergkette, hinter der das Flugzeug abstürzte, geschaltet wurde.
Weitere persönliche Gegenstände wurden im Rahmen der Sanierungsarbeiten im Gebiet der Katastrophe aufgefunden und an die Lufthansa/Germanwings übergeben. Ein Dienstleister dokumentiert sie und bereitet sie auf. Die Sachen, die zweifelsfrei einem Toten zugeordnet werden konnten, erhalten die erbberechtigten Angehörigen auf Wunsch zurück. Die nichtidentifizierten werden auf einer Website, die nur für die Hinterbliebenen zugänglich ist, für einen begrenzten Zeitraum veröffentlicht. Dabei weist man uns darauf hin, dass durch die Schneeschmelze im folgenden Frühjahr und durch sonstige Erdbewegungen erneut Dinge an die Oberfläche gelangen könnten.
Ich befürchte, dass wir niemals zur Ruhe kommen.
Auf dem Bildschirm des Laptops leuchtet mir die Ankündigung einer Gedenkfeier anlässlich des ersten Jahrestages am 24. März 2016 entgegen. Sie soll vermutlich in Le Vernet stattfinden. Unter der Voraussetzung, dass wir unser Einverständnis geben, ist geplant, die Namen der 149 Opfer vorzulesen. Konkreteres zur Gestaltung würden wir im nächsten Jahr erfahren.

Ich bringe es nicht fertig, die Wohnung adventlich zu schmücken – das erste Mal in meinem Leben.
Wir können nur sagen: »Traurige Weihnachten«.
© Brigitte Voß

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