28.11.2015, Sonnabend – Ende der Kur (Kur 13)

Wir verlassen im Hafen von Amrum das Schiff. Der Bus bringt uns zur Haltestelle „Leuchtturm“.

Wehmütige Erinnerungen dringen an die Oberfläche.
Auch das ist für mich Trauerbewältigung: Orte aufsuchen, an denen wir mit der Familie, mit Jens, glücklich waren. Mein Blick schweift über eine kleine Wiesenfläche. Sofort setzt das Gedächtnis ein vergangenes Bild zusammen. Der Baum, der auf dem Rasen steht, gehört dazu. Ich glaube, ihn wiederzuerkennen. Er spendete uns Schatten, denn die Sonne prasselte ohne Erbarmen. Wir verspeisten die Reste des in Frühstückstüten verpackten Proviantes.
Es ist nur dieses eine Ereignis. Nichts weiter. Es fielen keine bedeutenden Worte, kein bemerkenswertes Geschehen rankt sich darum. Es war einfach normal. Man aß gemeinsam unter einem Baum der Insel Amrum. Wie gern würde ich die Szene in das Hier und Jetzt herüberziehen, um jede Sekunde zu genießen. Wenn man das nur gewusst hätte!
Leider können wir den Leuchtturm nicht, wie damals, besteigen. Wider Erwarten stehen wir vor einer verschlossenen Tür.

Der Sturm hat riesige Sanddünen aufgetürmt, durch die wir uns zum Strand vorkämpfen. Ein eisiger Wind weht uns entgegen, während wir nach Wittdün zurückkehren. Das Blau des Himmels leuchtet winterlich kalt und verschärft die Kontraste der Landschaft.

In einem Café wärmen wir uns auf, bevor uns das Schiff von der einen Insel zur anderen zurückbringt.
In Föhr angekommen, verlassen wir das Hafengelände. Die gewohnten Straßen wirken fremd. Es ist bereits stockdunkel, doch die Strandpromenade erstrahlt im weihnachtlichen Schmuck. Schwippbögen tauchen zunehmend hinter den Fenstern auf. Ich seufze und senke den Blick. Ich mag das nicht sehen, genau wie die Adventgestecke auf den Tischen des Speisesaales der Kurklinik. Jens fehlt.
Die Kur neigt sich dem Ende zu. Übermorgen fahren wir nach Hause, und ich befürchte, erneut in ein tiefes Loch zu fallen. Niemand wird uns mehr einen Plan in die Hände drücken, der informiert, welche Anwendungen anstehen, das heißt, niemand wird uns zukünftig vorschreiben, was wir zu jeder Stunde machen sollen. Die vertraute heimische Umgebung wird die innere Zerrissenheit, die die Therapien überdeckt haben, wieder zum Vorschein treten lassen.
Was ich mitnehme aus der Kur, ist die Gewissheit, dass Sport helfen kann, zumindest für das körperliche Wohlbefinden, für die Psyche nur begrenzt. Finde ich die Kraft, mich einer Sportgruppe anzuschließen?
Morgen ist der 1. Advent. Das Weihnachtsfest steht vor der Tür. Das erste in der anderen Zeitrechnung, einer Zeitrechnung ohne Jens. Ich habe Angst.
Wir haben die Absicht, Heiligabend in Le Vernet zu verbringen. Dort sind wir bei ihm. Was sollen wir zu Hause mit all den traurigen Erinnerungen an die vielen schönen Weihnachten, die wir gemeinsam verbracht haben?
Die Kur gab nützliche Anregungen. Doch wie setzt man sie im wahren Leben, da draußen, um? Werden wir dazu die Energie aufbringen? Oder war sie nur für den Moment hilfreich? In Anbetracht der Tatsache, was unserem Kind Grausames geschehen ist, kann sie nur wie ein Tropfen auf dem heißen Stein wirken. Aber vielleicht ist sie ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Bisher haben sich uns helfende Hände entgegengestreckt. Dafür bin ich dankbar. Allerdings mit der Trauer und den damit verbundenen Gefühlen muss wohl jeder für sich allein fertig werden. Wir kennen uns selbst am besten. Zu unterschiedlich und komplex sind Seelen, als das Außenstehende sie vollkommen durchschauen können, um tief greifend zu helfen. Das mag hart klingen.
Morgen packen wir die Koffer.

© Brigitte Voß

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