26.11.2015, Donnerstag – ein Flugzeugabsturz (Kur 12)

Wie so oft, eile ich des morgens die Treppe hinunter, um pünktlich zum Qigong auf der Seebrücke zu erscheinen. Ich betrete die Eingangshalle und bremse abrupt ab, da meine Sinne vermelden: Hier stimmt etwas nicht. Irgendetwas muss passiert sein, ich weiß nur nicht, was.
Auf der Promenade lasse ich die frische Seeluft in die Lungen strömen. Der morgendliche Himmel vibriert in leuchtendem Rot bis Orange, während wir uns unter der Anleitung der Therapeutin wie in Zeitlupe dehnen und biegen. Die Sonne kündigt ihren Aufgang an. Es verspricht ein kühler, aber schöner Tag zu werden.

Wie stets, laufe ich am Strand zurück, bleibe stehen und bewundere das feurige Farbenspiel über dem Horizont. Der flammende Ball taucht aus dem Wasser auf und hinterlässt eine goldene Sternchenspur. Ich denke an Jens.
Die Eingangstür zur Klinik schwingt auf, und ich spüre erneut die bedrückende Stimmung. Ich schaue mich um. Eine Mitarbeiterin vom Sekretariat läuft grußlos an mir vorbei. Erstaunt sehe ich ihr hinterher. Sie verschwindet in der Rezeption, die wider Erwarten noch geschlossen ist. Jemand zieht von innen die klaffende Lücke zwischen den Vorhängen zu. Drinnen wird geflüstert.
Merkwürdig!
Nach dem Frühstück erwartet mich die Physiotherapeutin, der Therapieplan meines meines Mannes sieht Walking vor. Anschließend hätte er frei, doch werde ich ihn bis Mittag nicht treffen, da er freiwillig die festgelegte Therapierunde um ein Vielfaches ausdehnen wird. Oft begleitet ihn eine ältere Dame. Sie hält mit ihm Schritt, trotzdem er ein erhebliches Tempo anschlägt.
Diese Frau verblüfft. Beim Qigong ist sie wendig und erfasst sofort in voller Richtigkeit neu hinzukommende Übungen, während weniger betagte Patienten bereits mit dem Kommando „Wir beugen uns jetzt weit nach rechts“ Schwierigkeiten haben und sich nach links neigen. Läuft sie vor mir, gleichen ihre Bewegungen denen einer jüngeren Person. Dreht sie sich um, sehe ich zwar in ein von Falten zerfurchtes Gesicht, aber nicht in das einer über 80-jährigen. Ihr Rückgrat ist aufrecht und nicht gebeugt, obwohl das Schicksal sie arg geschüttelt hat. Sie redet nicht viel. Uns vertraute sie an, dass sie innerhalb von fünf Jahren ihre Tochter, ihren Mann und ihre Enkelin verlor …

Mit dem hauseigenen Laken in der Hand, dass bei den physiotherapeutischen Anwendungen als Unterlage dient, nehme ich den Lift, um ins Souterrain zu gelangen. Ein Mitbewohner begleitet mich bis ins Erdgeschoss.
„Haben Sie es schon gehört?“, fragt er.
„Was?“
„Der Geschäftsführer der Klinik ist gestern Abend mit seinem Kleinflugzeug abgestürzt. Ist das nicht schrecklich?“
Ich nicke. Er verlässt den Fahrstuhl. Ich fahre ein Stockwerk tiefer.
In meinem Kopf dreht sich alles. Unten angekommen, falle ich in die Sitzecke, auf der die Patienten warten, bis sie aufgerufen werden. Plötzlich dringt eine Stimme zu mir: „Hallo Frau Voß, was ist denn los? Ist Ihnen schlecht?“ Es ist Herr Dänel, einer der Physiotherapeuten.
Ich erwache aus der Starre, die mich befallen hat.
„Bin ich dran?“ Während ich frage, wird mir bewusst, dass ich den Termin nicht bei ihm habe.
„Ist Ihnen kalt?“
„Nein“, antworte ich.
„Sie sehen so blass aus.« Er lässt nicht locker.
Ich berichte, was ich soeben erfahren habe. „Und unser Sohn ist auch tot. Er saß in dem verhängnisvollen Flieger, der im März in den französischen Alpen abstürzte“, schließe ich mit bebender Stimme.
„Ich weiß, Ihr Mann hat es mir erzählt.«
Er setzt sich zu mir und nimmt meine Hand. Schließlich sagt er: „Ich muss zu den Patienten. Was haben Sie jetzt?“
„Krankengymnastik.“
Eine Tür öffnet sich, ich werde aufgerufen.
„Wenn Sie wollen, kommen Sie doch danach zu mir.“
„Ja, vielleicht.“
Nach der Behandlung suche ich ihn im Büro auf. Er kommt mir entgegen. Umarmt mich, versucht, beruhigende Worte zu finden.
„Ich glaube, ich habe den Geschäftsführer nie kennengelernt, nie gesehen. Und trotzdem bin ich regelrecht geschockt. Das wühlt viel in mir auf. Ich kann das nur schwer beeinflussen“, versuche ich zu erklären.
Seine Augen drücken ehrliches Mitgefühl und Verstehen aus. Er nimmt sich Zeit für mich.
Später recherchiere ich im Internet: Der Klinikleiter war bei bester Sicht von Föhr Richtung Festland gestartet, wo er von dichtem Hochnebel überrascht wurde. Um besser sehen zu können, verringerte er die Flughöhe und geriet dabei in Baumwipfel. Das hatte zu dem Unglück geführt. Er verstarb im Krankenhaus.
Die Mittagszeit rückt heran. Endlich kommt mein Mann zurück.

„Weißt du, ich habe beim Walking vier Regenbögen gesehen“, platzt er herein.
„Das ist sonderbar“, antworte ich und berichte von dem Flugzeugabsturz.
Er kann es kaum erfassen.
„Da ist man auf der Insel, um von dem Schrecklichen wenigstens ein bisschen Abstand zu bekommen. Und was passiert? Der Geschäftsführer stürzt mit seiner Kleinmaschine ab“, sinniere ich.
Der Weg zum Mittagessen führt durch den Aufenthaltsraum. Auf einem gesondert stehenden Tisch flackert neben dem Foto des Verunglückten eine Kerze. Wie sehr kenne ich doch diese Bilder, Fotos von Verstorbenen und viele, viele Kerzen.
Wir können dem Schicksal nicht entfliehen, seit acht Monaten verfolgt es uns und holt uns immer wieder ein, sogar zur Kur.
Am Nachmittag gehen wir am Strand und später auf dem Deich spazieren. Die Luft besticht durch ihre Klarheit, Wolken lassen das Himmelsblau durchleuchten. Wir sehen noch mehr Regenbögen.

Wir beenden den denkwürdigen Tag im „Glücklichen Matthias“, einer Gaststätte, nur wenige Meter von der Kurklinik entfernt.

© Brigitte Voß

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