09.11.2015, Montag – Therapien (Kur 8)

Mich wundert, dass es Kurgäste gibt, die die ihnen verordneten Therapien einfach schwänzen, egal ob draußen der Blanke Hans tobt oder die Sonne aus blauem Himmel auf Föhr herniederprasselt. In ihren Augen müssen wir als Streber erscheinen. Zuweilen sehe ich meinen Mann nur zu den Mahlzeiten und am Abend, da wir kaum dieselbe  Gruppe zugewiesen beziehungsweise unterschiedliche Behandlungen verschrieben bekommen haben.

15.11.09_Föhr_Kurheim 20151112_100936_verklDie gesundheitlichen Anwendungen und Betätigungen aktivieren und kräftigen uns. Sie reißen uns aus der zermürbenden Antriebslosigkeit und können unerwartete Folgen haben, wie zum Beispiel die »Psychomotorik«. Anfangs wusste ich nichts mit der Bezeichnung anzufangen. Die Therapeutin ist kreativ und hat immer wieder neue Ideen. Das Trommeln mit Holzstöcken auf Gymnastikbällen, die zwischen den Stuhlbeinen umgekehrter Hocker klemmten, begeisterte mich. Dabei mussten wir Patienten einen gemeinsamen Rhythmus finden. Wir trommelten und trommelten. Ich ließ meine Wut in den Ball einfließen, der unschuldig hin und her wackelte. Er war ein genialer Blitzableiter, wobei die von uns kreierten Rhythmen antrieben. Einigen Kursteilnehmern erging es ähnlich. Später gab es Beschwerden, weil wir die Gruppe »Muskelentspannung« drei Etagen über uns in ihrer Versenkung störten.
Auch das sogenannte Wikingerspiel bei schönem Wetter am Strand lässt für kurze Zeit vergessene Gefühle zu. Die Mitspieler feuern ihre Teammitglieder an, die Holzklötze der Gegenpartei, die im Sand stecken, mit den Wurfhölzern zu treffen, damit sie umfallen. Einmal erwischte ich sogar den König.
Anstrengender sind Wirbelsäulen- und Wassergymnastik.
Das Fitnessstudio liegt direkt an der Promenade. Die Ergometer stehen hinter einer großen Fensterfront. Vor mir erstreckt sich die Nordsee, mal spiegelt sie sich ruhig in der Sonne, mal peitscht der Regen durch die tosenden Wellen. Je nach Stimmung des Meeres oder dem Zustand meiner Trauer und Verzweiflung, trete ich in die Pedale, wobei Höchstleistungen möglich sind. Nachdem Gewichte die Muskeln traktiert haben, laufe ich am Strand barfuß zurück in die Klinik, auch wenn die gefühlte Temperatur nur drei Grad beträgt. Mit hochgekrempelten Hosen patsche ich durch das Wasser. Schneidet die Kälte zu sehr, gehe ich durch den Sand, um erneut durch das wogende Nass zu steigen. Das ist ein besonderer Kick, der wohltuend warme Füße zur Folge hat. Der Sport erzeugt ein angenehmes Körpergefühl und kann die Gemütslage positiv beeinflussen.
Offensichtlich kommen wir an Einzelgesprächen mit einer Psychologin des Hauses nicht vorbei. Doch die Chemie stimmt, sie hört gut zu und gibt mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit.
Es ist für heute meine letzte Therapie. Ich nehme in der Sitzecke Platz, um zu warten, bis die Psychotherapeutin mich aufruft. Neben mir sitzen zwei Frauen, die sich mit leisen Stimmen über plötzlich Verstorbene in ihrer Umgebung unterhalten. Die eine berichtet von einer Bekannten, die im Ausland vergewaltigt und dabei ermordet wurde.
Gebannt lausche ich.
Sie sagt: »Ihre Mutter würde sich umbringen, wenn sie nicht noch den Sohn hätte. Sie hat die Kinder allein großgezogen.«
Die andere nickt und erwidert: »Für eine Mutter ist es das Schlimmste, wenn das Kind stirbt.«
»Die wird nie in ihrem Leben damit fertig.«
»Lebenslange Trauer …«, höre ich die beginnende Antwort.
Ich habe genug, stehe auf und setze mich in die entfernteste Ecke des Raumes, bis ich aufgerufen werde.
Die Psychologin schlägt vor, die Kur auf sechs Wochen auszudehnen. Ich solle es mir überlegen, mit meinem Mann habe sie bereits gesprochen. Auch er ist bei ihr in Behandlung.
© Brigitte Voß

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