05.11.2015, Donnerstag – Sprüche des Tages (Kur 7)

15.11.05_Föhr_TagesplanWir sitzen im Speisesaal und frühstücken gemeinsam mit den Kurgästen. Ich greife zum Informationsblatt, das jeden Morgen zusammen mit Wetterbericht und Freizeitangeboten auf dem Tisch liegt, und beginne spontan, den „Spruch des Tages“ vorzulesen: »Wir sollen nie diejenigen vergessen, die wir lieben …« Während ich die Worte ausspreche, wird mir ihr Sinn bewusst. Ein Kloß im Hals würgt die Stimme ab. Das lachende Gesicht von Jens taucht aus der Erinnerung auf. Ich werfe den Zettel zurück, stehe unvermittelt auf und eile zum Frühstücksbüffet. Mein Zurückkommen bemerken die Mitpatienten in der Runde nicht, da sie eifrig über ihre Therapien diskutieren.
Die „Sprüche des Tages“ erwecken stets Interesse. Sie sind besinnlich, lehrreich oder lustig, wie zum Beispiel: »Wenn es im Himmel keine Schokolade gibt, dann will ich da nicht hin.« Wir mussten schmunzeln, als wir den Satz lasen. Hoffentlich stapeln sich da oben jede Menge Tafeln, denn Jens hätte sonst Probleme. Allerdings bekam ich die gestern Abend ebenfalls, als ein Kurgast der Tischnachbarin eine Süßigkeit zeigte. Dabei drehte er den Kopf zu mir und sagte: »Ich habe ihr mal meine Lieblingsschokolade aus der Kindheit mitgebracht.«
Ich sehe eine Marke aus der DDR, die die Stürme der Wendezeit überstanden hat.
»Die kennen Sie bestimmt.«
Ich nicke und schweige. Und ob ich sie kenne. Auch für unseren Sohn war sie der Favorit. Den Riegel haben wir auf dem Grabstein befestigt.
Ich vergesse vor Schreck zu fragen, wo er im Ostteil Deutschlands aufgewachsen ist. Derartige Situationen bringen mich durcheinander, obwohl sie zum normalen Alltag gehören, den ich bewältigen muss. Mein Mann hat in solchen Fällen ein etwas robusteres Nervenkostüm.

15.11.05_151125_Fähre_125331_verklHeute stehen nur wenige Therapien auf dem Plan und so sitze ich auf der Terrasse und genieße den weiten Blick auf das Meer. Es vermittelt ein Gefühl der Unendlichkeit, der Ewigkeit (des Lebens) und lässt erneut die Hoffnung aufkeimen, dass mit dem Tod nicht alles endet.
Die Fähren von Dagebüll zu den Inseln Amrum und Föhr schaukeln friedlich im Wasser. Ich denke an Jens und dort, wo er jetzt ist. Weihnachten möchten wir wieder nach Le Vernet. Das Abtragen des mit Öl und Kerosin getränkten Erdreiches im Gebiet der Katastrophe wurde im Oktober beendet und damit die Sperrung der Region aufgehoben. Allerdings haben die Bürgermeister von Le Vernet und Prads einen Folgeerlass beschlossen, der besagt, dass die unmittelbare Unglücksstelle auch weiterhin gesperrt bleibt. Es sollen Unfälle vermieden werden, weil das Territorium schwer zugänglich sei. Ein zwei Meter hoher Zaun würde das Verbot verdeutlichen. Ob der Beschluss jemals außer Kraft gesetzt wird, ist unklar. Immerhin wird uns Angehörigen gestattet, den Col (Sattel) de Mariaud zu betreten, um aus etwa 700 Metern Entfernung das Absturzgebiet einzusehen. Von dort aus können wir über einen steilen, unbefestigten Weg bis zur Sicherheitsabsperrung laufen, die sich unterhalb des Absturzortes befindet – auf eigenes Risiko.
Die Bürgermeister sowie einige Dorfbewohner sind nach der weiträumigen Freigabe bis zur Sicherheitszone gewandert und haben Blumen für die Verstorbenen abgelegt. Davon und von den dabei geführten Interviews existiert ein Video auf YouTube und mit Übersetzung auch auf meinem Blog (siehe Beitrag „Crash A 320, die Berge haben ihre Ruhe wieder gefunden“ unter „Sonstigens“).
Eine der iranischen Familien, die um ihren Sohn trauert, war bereits am Col und hat ihre Aufnahmen mit uns Angehörigen geteilt. Sie wühlen mich auf. Beim Betrachten des felsigen Hanges, an dem die Maschine zerschmetterte, stelle ich mir intensiv vor, wie die Berge immer näher kamen.
Haben die Passagiere, hat Jens geschrien? Oder war für sie die Zeitspanne zu kurz, um zu verarbeiten, was da eigentlich geschah? Und die Crew?
Angesichts der ersten privaten Fotos erhält meine Fantasie zusätzliche Nahrung, die quält und wie eine Klette an mir haftet. Ich muss diesen Ort selbst sehen, am besten die Absperrung überwinden. Mein Mann denkt genau so.
© Brigitte Voß

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