03.11.2015, Mittwoch – Nebel (Kur 6)

Am Wochenende stürzte ein russischer Airbus kurz nach dem Start über der Sinai-Halbinsel ab. Keiner der 224 Passagiere überlebte. Die meisten Fluggäste waren russische Urlauber, die Richtung Heimat flogen. Der Flieger kam nicht, wie geplant, in St. Petersburg, an. Er verschwand plötzlich vom Radar. Die Absturzursache gibt Rätsel auf. Ein Terroranschlag wird zunächst ausgeschlossen.
Wieso wird von vornherein die Möglichkeit ignoriert, dass ein selbstsüchtiger Pilot die ihm anvertrauten Insassen mit sich in das Meer gestürzt hat? Weil es so unwahrscheinlich ist?
Derartige, aber ebenso andere Katastrophen lassen mich mit starrem Entsetzen vor dem Fernseher / Radio zurück. Ich stelle mir die Hinterbliebenen vor, ihre Unsicherheit, die Angst um die Angehörigen, die nicht zu Hause ankommen, usw. Ich weiß um ihre Hoffnungen, die sich immer wieder in den Vordergrund schieben, auch wenn sie jeglicher Grundlage entbehren. All diese Bilder samt den dazugehörigen Empfindungen sind ein Teil von mir. Ich leide mit ihnen. Mit jeder Faser meines Seins verstehe ich, was das in einem Menschen bewirkt. Bereits das Wort »Flugzeugabsturz«, egal ob ich es höre, lese oder, wie jetzt schreibe, erweckt ein flaues Gefühl in der Magengegend.

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Ich wünschte mir, der Nebel, der seit einigen Tagen über Meer und Insel wabert, würde gleichermaßen meine Gedanken vernebeln und damit ein leichteres Dasein ermöglichen.
Das Wetter hat uns am Wochenende die Halligrundfahrt vermiest, weil die Augen die grauweißlichen Schwaden nicht durchdringen konnten. Jedoch die Strandwanderungen sind bei derartigen Bedingungen voller Überraschungen. Man weiß nie, was beziehungsweise wer vor einem auftaucht – mal ist es ein einsamer Strandwanderer, mal sind es Störche (siehe Blogbeitrag 25.10.2015, Kur 2) und sonstige Seevögel, die auf Nahrungssuche sind. Die Füße stolpern über morsche Holzbalken oder treten auf raschelnde Plastiktüten, die die See bei Ebbe auf dem Sand zurückließ. Der Wind hat das Heulen eingestellt. Das Meerestosen weicht dem bassigen Dröhnen der Schiffshupen, die anzeigen: Hier ist ein Schiff.
Nach dem Qigong auf der Seebrücke stehe ich stets an der Wasserkante, um in die Ferne zu schauen. Ich suche Jens. Seit einigen Tagen prallt der Blick an einer weißlichen Wand ab. Das morgendliche Gefühl seiner Nähe bleibt aus.
Ich halte die Hände unmittelbar vor die Augen und entdecke sie kaum, geschweige denn die Brücke neben mir, weil sie der Dampf verschlingt.
Erhebt sich der Sonnenball glutrot aus dem Wasser, fällt es nicht schwer, Jens in der Schönheit des Lichts und dem Spiel der wechselnden Farben zu wissen. Bei Sturm, der mit den Wellen die Gischt in die Höhe spritzen lässt, bei Regen, der vergängliche Muster in Meer und Sand zeichnet, erkenne ich in seinen Grüßen die Wut. Er zürnt wegen des gewaltsamen Todes und die damit verbundene Trennung von allem, was er liebte. Das ist nur zu verständlich.
Der Nebel jedoch verschluckt die Umgebung und stört die Sicht. Dadurch wird mir bewusst, dass das Erspüren seiner Anwesenheit in mitreißenden Naturerscheinungen, jeglicher Logik entbehrt. Ich finde ihn an Orten, die ich sehen kann, die mich begeistern und die Fantasie beflügeln. Doch im weißen Dunst bin ich unfähig, ihn zu erahnen. Da ist die Leere, das große Nichts. In solchen Momenten bin ich überzeugt, dass er keine Zeichen schicken kann, weil er tot ist. Jens ist tot und kommt nie wieder …
Aber am Abend:
Wir essen mit den Kurpatienten im Speisesaal. Neben mir sitzt Frau Keller, eine Lehrerin im Ruhestand. Sie kennt bereits alle Museen und Kunstausstellungen der Insel. Sie ist nett und wissbegierig. So auch jetzt: »Haben Sie Kinder?«
»Ja«,erwidere ich und konzentriere mich betont auf das Entfernen der Schale von der Wurst. Allerdings verhindere ich damit nicht die Frage, die ich erwarte. Stets bringt sie mich zum Stottern. »Und wie viele Kinder haben Sie?«
So normal und üblich die Äußerung ist, um so bedeutungsschwerer ist sie für uns. Doch dieses Mal bin ich vorbereitet. Ich würde sagen: ›Wir haben zwei Söhne, der eine ist leider gestorben.‹
Ich schlucke mächtig und überlege einen Augenblick. Dichte Nebelschwaden ziehen am Fenster vorbei. Plötzlich höre ich mich mit fester Stimme antworten: »Wir haben zwei Kinder, der eine ist 32 Jahre alt und der andere 38.« (I S T !!!)

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