31.10.2015, Sonnabend – die sprechenden Grabsteine (Kur 5)

Wir treten in die Pedale der Leihräder, die sich überraschend leicht fahren lassen. Immerhin können wir zwischen drei Gängen wählen. Weitere sind nicht vonnöten, da die Anstiege auf der Insel nicht der Rede wert sind, wenn da nicht der böige Gegenwind wäre. Er ist mit dem Meer eine ewige Partnerschaft eingegangen und bläst sich nicht selbst fort.
Trotz der Anstrengung bekomme ich das Foto nicht aus dem Kopf, das einen ramponierten Mietwagen zeigt. Darin saßen unser Sohn, seine Frau, die kleine Enkelin sowie ein Freund nebst Familie. Ein Wildschwein rammte die Seite des Kleinbusses, auf der Sassa im Kindersitz angeschnallt war. Glücklicherweise wurde nur das Fahrzeug beschädigt und niemand verletzt. Doch als die Nachricht auf dem Handy erschien, packte mich die pure Angst. Auch ihre Leben könnten von einer Sekunde zur anderen beendet sein. Nie war ich eine ängstliche Mutter, aber nach dem brutalen Tod von Jens, ergreift die Furcht um die Familie übermäßigen Besitz von mir. Benutzt Thomas zur Dienstreise ein Flugzeug, spannt eine arge Beklemmung die Nervenbahnen auf das Äußerste. In meiner Welt sind Unwahrscheinlichkeiten extrem wahrscheinlich geworden.

15.10.31_Grabstein groß_134627Die sechzehn Friesendörfer, die man auf Föhr zählt, enden nahezu alle auf der Endung -um, was -heim bedeutet. Sie heißen beispielsweise Oldsum, Alkersum, Dunsum, Midlum, usw. Unser Ziel heißt Nieblum. Es wird zu den schönsten Dörfern der Insel gezählt. Und in der Tat bestaunen wir die hübschen, reetgedeckten Häuser, vor denen kräftige Bäume stehen, die bereits viel gesehen haben. Die Gebäude stammen aus dem 18. Jahrhundert und zeugen von vergangenem Reichtum, den der Walfang mit sich brachte.
Die Nieblumer Kirche St. Johannis wurde vor 600 Jahren erbaut.
Wir stellen die Räder am Zaun ab. Der Friedhof mit seinen ungewöhnlichen Grabsteinen lockt. Die Klinikverantwortliche für Kultur erzählte von ihnen.
Wir laufen durch die Gräberreihen. Die Steine, die Stelen gleichen, ragen senkrecht, zuweilen schief, in die Höhe. Ich entdecke sogar einen, der meine Größe hat.15.10.31_Grabstein Mühle_141212 15.10.31_Grabstein klein Schiff_140334
Die Beschriftungen sind teilweise verwittert, aber auch aufgrund der verschnörkelten, alten Schreibweise der Buchstaben schwer lesbar. Doch was ich entziffern kann, begeistert mich. Die verstorbenen Dorfbewohner, deren Leben sich vor mir ausbreiten, existierten im 17./18. Jahrhundert. Ich lese von ihren Schicksalen, die Namen der Familienmitglieder, ihre Berufe, ihre Lebensauffassungen, usw. Der Alltag der früheren Inselbewohner ersteht vor meinen Augen und wird durch die bildhaften Darstellungen von beeindruckenden Schiffen, Mühlen, Leuchttürmen, usw. verdeutlicht. Vielen wohnt eine Symbolik inne. Ist zum Beispiel ein Seemann auf hoher See umgekommen, bläst der Wind in ein volles Segel. Ist er an Land gestorben, ist es abgetakelt.

Inschrift eines Grabsteins, auf dem ein stolzes Segelschiff abgebildet ist
Leitspruch:
Der Seemann waget viel, das liebe theure Leben dem ungestümen Meer, auf Brettern hinzugeben.
Es folgt der Originaltext:

Allhier ruhen die Gebeine von DIRCK CRAMERS
des weyland wohlachtbaren
Westindischen Capitains aus Nieblum
gebohren den 26. August 1725 in Boldixum
der in seinem Leben mit Gott viel gewagt,
aber auch
unter seiner Leitung viel Glück gehabt,
er wagete es
vom 17 Jahr an sein Leben der wilden See anzuvertraue
unter vielen Proben der Göttlichen Hülfe / von 1755
bis 1762 ein Schif nach 3 Theilen der Welt zu führen
und es ward
eine jede Fahrt in VI Jahren mit Segen gecrönet
und er wagete es,
auf Göttlichen Winck sich abwesend zu verbinden
mit der tugendsamen EYCKE JENSEN aus Nieblum
ob er sie gleich nie gesehen
und siehe es gelang ihm, den er führete
vom 1 Nov. 1762 fast 7 Jahr in ruhe die zärtlichste Ehe
er wagete es endlich hoffnungs voll / d 6 August 1769
über das schwartze Meer des Todes zu schiffen,
und siehe er kam glücklich hinüber und anckerte
nach einer 44jährigen Lebens=Fahrt in den sicheren Hafen
der seeligen Ewigkeit

Will man St. Johannis betreten, führt der Weg an den Gräbern vorbei. Die Einheimischen erinnern sich vielleicht an die und die Vorfahren und bleiben daher mit ihnen verbunden. Für die Urlauber, die eines der beliebten Konzerte in der Kirche besuchen oder sie besichtigen möchten, gehören die hier Ruhenden dazu. Sie laufen entlang der Stelen, lesen die Texte, erfahren von den Schiffsfahrten und den Erfolgen der ehemals ansässigen Fischer, Kapitäne und Walfänger. In gewisser Weise leben diese Verstorbenen in den Berichten weiter, werden nie zu Fremden, sind nur leiblich tot.

15.10.31_Grabstein mehrere_141012Die heutigen Grabplatten und -steine wirken dagegen unpersönlich und kalt. Die Friedhofsordnung weist starre Vorschriften auf. Ebenso wollen uns die gesellschaftlichen Verhältnisse und Ereignisse immer durchsichtiger werden lassen und fördern als Gegenreaktion die gewollte Anonymität.
Die sprechenden Grabsteine von Nieblum bewirken, dass der Friedhof für uns nichts Trauriges ausstrahlt. Mich beeindrucken sie mehr als die Kirche, von der andere Kurpatienten schwärmen.
© Brigitte Voß

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