27.10.2015, Dienstag – Morgenrot (Kur 4)

♦  EINUNDDREIßIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦

15.10.27_Morgenrot_6271Der Handywecker erinnert mit fordernden Urwaldgeräuschen (Weckton), dass die Nacht beendet ist. Trotz Therapien und vieler Bewegung an der frischen Luft schlafe ich schlecht. Mal melden sich die chronischen Schmerzen, die seit dem tödlichen Absturz heftiger geworden sind, oder die seelischen Verletzungen peinigen. Im schlimmsten Fall attackieren mich beide.
Ich schlage die Vorhänge zurück. Der Sonnenaufgang kündigt sich mit einer blassroten Färbung am Horizont an, die zunehmend intensiver wird. Schleierwolken verschönern das Schauspiel.
Rasch bin ich fertig, binde noch hastig die Haare zusammen, streife das Stirnband über Kopf und Ohren, greife die Handschuhe und rufe den Fahrstuhl, der wie immer nicht kommt. Letztendlich stürme ich die vier Etagen die Treppe hinunter, um pünktlich zum Qigong auf der Seebrücke zu erscheinen. Yvonne erwartet uns bereits. Mit spitzbübischem Leuchten in den Augen, die stets voller Lebensenergie sind, weist sie uns an. Wir stellen uns leicht auf die Zehenspitzen, beugen etwas die Knie und ziehen den Bauch ein. Die Arme schwingen in Zeitlupe durch die Luft, der Oberkörper bewegt sich im Rhythmus der Übung, die Füße heben verzögert ab und erwecken bei erneuter Bodenberührung den Eindruck, als sinken sie in eine Schaumstoffschicht ein, die sie wieder nach oben drückt. Im Fluss der Bewegungen strömt die kühle Meeresluft durch die Lungen. Sie erfrischt die Seele.
Die Säulen, die die Brücke tragen, ragen weit aus dem Sand, denn die Ebbe drängt das Wasser zurück. Es strebt dem glutroten Ball entgegen, der in der Ferne aus dem Meer auftaucht.
Die erste Therapie des Tages ist beendet. Die Mitpatienten streben der Promenade zu, um zum Frühstücksbuffet zu eilen.

15.10.27_Seebrücke_6281Ich laufe an der Wasserkante entlang, bleibe stehen und beobachte gebannt das Naturschauspiel. Ich bin traurig, weil Jens das nie mehr erleben kann.
Unser Planet ist faszinierend, nur die Menschen, die ihn bewohnen, sind es nicht. Abgesehen von den Umweltverbrechen, bestimmen Mord und Terror die Welt.
Die orange bis ins gelb wandelnden Farben erzeugen ein glitzerndes Sternenband auf den sich kräuselnden Wellen. Wie hypnotisiert betrachte ich das Funkeln. Es weist mir den Weg in die Sonne, ins Licht. Jens ist bei mir, ich spüre es. Es ist eine Nähe, wie ich sie nur aus Le Vernet kenne, wenn ich auf die schrecklich-schönen Berge schaue. Wie in Trance stehe ich unbeweglich mit dem Rücken zum Strand, um das mystische Gefühl festzuhalten. Doch der Wind bläst unermüdlich durch meinen Körper, Finger und Zehen zwicken vor Kälte. Es ist, als steckten sie in Schraubzwingen, die jegliches Blut zurückdrängen. Der Zauber ist dahin. Widerstrebend stapfe ich durch den Sand zurück zur Klinik, wo mein Mann auf mich wartet. Er hat Hunger.
Die Mitpatienten, mit denen wir im Speisesaal zusammen sitzen, sind eine bunte Mischung aus Alter, Herkunft, Charakter und Temperament. Sie sind ausgelassen, albern herum, lachen. Sie sind fröhlich, und das aus tiefstem Herzen.
Wir haben das geschützte System, bestehend aus Familie, Freunden oder Opferangehörigen verlassen und sind von Menschen umgeben, die nicht wissen, was uns hierher geführt hat, weil es unser Wille ist. Es ist eine Herausforderung, der wir uns stellen müssen, aber auch wollen. Trotzdem klappt jene unbefangene Herumblödelei, an der ich früher Spaß gehabt hätte, nicht, obwohl ich es versuche. Meinem Mann ergeht es ähnlich. Doch mein Lachen ist verkrampft. Ich spüre, wie Blicke auf mir ruhen. Der Rollstuhlfahrer vom gegenüberliegenden Tisch beobachtet uns. Ich senke den Kopf und beiße in das Frühstücksbrötchen.

15.10.27_Sonnenaufgang-20151025_072440
© Brigitte Voß

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