25.10.2015, Sonntag – Hallig Hooge (Kur 3)

Der Wind zerrt an der Kleidung, sodass wir wie aufgeblasene Gummipuppen aussehen, Mütze oder Kapuze sind tief in die Stirn gezogen, der Kragen hochgeschlagen und der Schal verdeckt Mund und Nase. Hohe Wellen schaukeln das Schiff voran und spritzen uns nass. Die Sonne lacht darüber.
Nachdem wir die Seehundbänke 15.10.25_Seehund1_625015.10.25_Seehund2_6254passiert haben, kriecht die Kälte in jede Pore.  Wir beschließen, unter Deck zu gehen, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Ein warmer Dunst schlägt uns entgegen. Nur mit Not finden wir eine freie Ecke.
»Woher kommt ihr?«, fragt sie.
»Aus Leipzig«, sage ich.
Es stellt sich heraus, dass ihr Freund dort wohnt. Wir diskutieren über den sächsischen Dialekt und über Dialekte im Allgemeinen. Es macht Spaß, sich mit ihr zu unterhalten. Sie erzählt viel von sich. Sie spielt Saxofon, unterrichtet Kinder darin, nimmt aktiv an Weihnachtskonzerten teil und betont auffallend oft, dass sie mit Hilfe der Therapien den Stress verjagen will.
»Wie lange dauert eure Kur?«, forscht sie weiter.
Bei folgender Antwort werden die wissenden Kurteilnehmer gewöhnlich stutzig: »Vier Wochen.«
»Wieso vier Wochen? Üblich sind doch drei Wochen«, kontert sie prompt.
Da wir anonym bleiben wollen, erwidere ich: »Hmm. Ich weiß nicht. Vielleicht hatten wir eine gute Sachbearbeiterin?«
»Das ist ungewöhnlich«, bemerkt sie und wendet sich neugierig meinem Mann zu.
Ihm entschlüpft: »Wir sind so etwas wie ein Sonderfall.«
»Wieso?« Jetzt bohren sich ihre Augen in die unseren hinein.
Mein Mann und ich verständigen uns mit Blicken, bevor wir erklären, was zu dieser Kur geführt hat. Wir fügen hinzu, dass sie nicht mit anderen darüber sprechen soll.
Sie schluckt und nach einem Moment des Schweigens, erzählt sie, dass sie in der Nähe von Haltern wohnt. Sie müsse noch oft an das grausame Schicksal der Passagiere denken, auch wenn bereits Monate vergangen sind. Sie nimmt meine Hand und drückt sie für den Rest der Überfahrt.

15.10.25_Schiff_6221Auf einmal sagt sie: «Ich nehme an der Kur teil, weil ich meine Nichte an die Leukämie verloren habe. Trotzdem es sechs Jahre her ist, werde ich nicht damit fertig. Mir geht es nicht gut.«
Sie berichtet von der kleinen Tochter ihrer Schwester, wie sie leiden musste, bis der Tod sie für immer nahm. Danach sei sie wie auf der Flucht gewesen und habe sich keine ruhige Minute gegönnt. „Ich bin der Trauer ausgewichen und wollte mich nicht an das schreckliche Sterben erinnern.“ Sie rührt in ihrem Kaffee herum, wobei der Löffel schrill gegen die Tasse schlägt. »Bis der Punkt kam, an dem ich bemerkte, dass ich die Notbremse ziehen muss.“
Wir diskutieren über Trauerbewältigung, über Tod durch Krankheit und Mord und wie es ist, wenn der Tod Kinder holt. Wir verstehen uns. Seit dem bewussten März ist es das erste Mal, dass ich einem Menschen, den ich kaum kenne, aufmerksam zuhöre, obwohl er von einem Schmerz erzählt, der nicht mit der Flugzeugkatastrophe zusammenhängt.
Die Lautsprechererklärungen des Kapitäns über die uns umgebenden Inseln und ihren Sehenswürdigkeiten schallen an uns vorbei, sind zur Nebensache geworden.
»Dass wir uns getroffen haben, ist kein Zufall«, sagt mein Mann.
Sie nickt vehement und fügt hinzu: »Das sollte so sein.«
Zum Abschied nehme ich sie fest in den Arm.
© Brigitte Voß

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