24.10.2015, Sonnabend – Eingewöhnung (Kur 1)

Seit einigen Tagen sind wir von Meereswasser umgeben. Auch wenn wir aufgrund der Größe von Föhr nur einen geringen Ausschnitt davon sehen können, ist bereits das Wissen, auf einer Insel zu wohnen, ungemein wohltuend. Es gaukelt die Illusion vor, vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein, was ein tröstendes Gefühl vermittelt. Doch da der Tod von Jens eng mit uns verwachsen ist, wird die Traurigkeit ein lebenslanger Begleiter sein, egal, wo wir sind oder was wir gerade tun. Dagegen ist das Abgeschiedensein machtlos.
Wir bewohnen ein Zimmer mit Meeresblick und einer gemeinschaftlichen, geräumigen Terrasse. Unter uns verläuft die Promenade, dahinter erstreckt sich der Sandstrand, der in das Meer übergeht. Vom Bett aus kann ich bei klarem Wetter den Sonnenaufgang beobachten.
Das Aufnahmegespräch ist vorbei. Wir haben dem Arzt die Bitte vorgetragen, anonym zu bleiben. Wir wollen, dass sich die Mitpatienten uns gegenüber ungezwungen verhalten, und wir nicht mit verstohlenen Blicken beobachtet werden. Die Therapiewünsche hat er berücksichtigt und mit uns abgestimmt. Dem Vorschlag, dabei viel an der frischen Luft zu sein, wurde entsprochen. Gruppentherapien psychologischen Inhalts haben wir von vornherein abgelehnt.
So beginnt für mich der Tag 7.30 Uhr mit Morgensport am Strand beziehungsweise Qigong auf der Seebrücke, einerlei, ob der Sturm durch die Wellen peitscht, der Regen Rinnsale im Sand bildet oder die Kälte die Hände steif werden lässt.

15.10.24_Morgensport mit Sonnenaufgang_20151126_084329Des Weiteren stehen auf meinem Therapieplan Nordic Walking (am liebsten entlang der Wasserkante), Wirbelsäulengymnastik, Training im Fitnessstudio, progressive Muskelentspannung, Bewegungsbad, Physiotherapie, psychologisches Einzelgespräch, Psychomotorik und Vorträge zur Stressbewältigung. Freiwillig nehme ich an der Gruppe Feldenkrais teil. Während der Therapien schalte ich das Gehirn ab. Und danach? Immer wieder zieht die Schwermut mich nach unten. Vielleicht bessert sich der Zustand in den folgenden Wochen.
Auch in der therapiefreien Zeit unternehmen wir viel. Wanderungen durch Strand und Watt stehen täglich auf dem Programm. Wir erkunden Wyk, erfreuen uns an den verwinkelten Gassen, den hübschen Häuschen, die teilweise mit Reed bedeckt sind. Das Meerwasser-Schwimmbad, das in der Nähe des Kurheimes einlädt, erfreut uns mit hohen Wellen. Die Sauna des benachbarten Hotels dürfen die Kurpatienten gratis benutzen.
Um uns einen Überblick über die Insel zu verschaffen, nehmen wir an einer von der Klinik organisierten Inselrundfahrt teil. Der Busfahrer kommentiert mit markantem Humor die Lebensgewohnheiten der Insulaner oder die vorbeiziehenden historischen, Friesenhäuser, die teilweise aus dem 16./17. Jahrhundert stammen.
Werbeplakate bezeichnen Föhr als Friesische Karibik des Nordens, obwohl hier keine Palmen wachsen. Allerdings gibt es kilometerlange Sandstrände und viele Bäume.
Es könnte alles so schön sein, wenn Jens noch lebte. Der Massenmord, begangen von einem egozentrischen Piloten, der erstaunlicherweise die Lizenz für den Steuerknüppel besaß, hat uns an diesen Ort geführt und drückt uns, trotz des perfekten Ambientes, nieder.
Nach reiflicher Überlegung erwerbe ich für einen geringen Obulus einen Wlan-Zugang, den die Klinik anbietet. Der Drang, ja keine Nachrichten bezüglich 4U9525 zu verpassen, erringt die Oberhand.
Die erste Information, die mich aus dem Internet aufregt, ist, dass sich Germanwings zukünftig Eurowings nennen wird. Sogleich zwängt sich der Gedanke auf, dass es eine taktische Maßnahme sei, weil der Name Germanwings stets mit dem bewusst herbeigeführten Absturz verbunden bleibt und somit schädlich für das Image der Fluggesellschaft ist. Beim Weiterlesen erfahre ich jedoch, dass dieser Beschluss weit vor dem Tag der Katastrophe aus unternehmerischen Gründen gefasst worden ist.
Kaum habe ich mich wieder beruhigt, schnellt mein Puls erneut in die Höhe, als ich erfahre, dass die Bundeskanzlerin in Haltern war. Sie suchte die Schule auf, hielt eine kurze Ansprache und unterhielt sich mit den Opferangehörigen sowie den Mitschülern der sechzehn Gymnasiasten, die zusammen mit ihren zwei Lehrerinnen getötet worden sind.
Es saßen 72 Deutsche im Absturzflugzeug. Eine nette Geste wäre gewesen, auch die anderen Angehörigen einzuladen. Bisher erwähnt die inländische Presse vorrangig Haltern in Zusammenhang mit der Katastrophe. Der Rest der Hinterbliebenen bleibt nahezu unberücksichtigt. (Natürlich ist es ein großer Verlust, wenn ein kleiner Ort  von einer Sekunde zur anderen so viele junge Menschen mit ihren Lehrerinnen verliert.)
Mit Haltern können die Bundesregierung sowie Lufthansa/Germanwings eine Öffentlichkeitsarbeit leisten, die beweisen soll: »Seht her, wir kümmern uns. Wir zeigen Präsenz und helfen.« So haben es Freunde und Bekannten wahrgenommen, die um so erstaunter sind, wenn wir berichten, wie es uns ergangen ist. Mit der Überführung der menschlichen Überreste klappte für die Halterner alles wie am Schnürchen, wohingegen meine Familie zwei Wochen lang ohne Begründung auf das Grausamste hingehalten wurde – und das in der Situation der ungewissen Trauer, wann wir unseren Jens beerdigen können.
Für die Öffentlichkeit entsteht bisher der Eindruck, Haltern stehe für alle Hinterbliebenen, was so nicht stimmt.
Ich schaue durch die großflächigen Fenster des Zimmers auf die vordrängenden Wellen der Flut. Es dämmert bereits. Warum schaffe ich es nicht, das Internet wenigstens während der Kur zu meiden? Rasch fahre ich den Laptop herunter, den ich wohl besser zuhause gelassen hätte.

© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s