16.10.2015, Freitag – Licht

Wir bereiten uns auf die Kur vor. Auch wenn ich mich freue, die raue Nordsee wiederzusehen, ist das Einkaufen notwendiger Sportsachen und wetterfester Kleidung lästig und strengt über die Maßen an. Hoffentlich bekomme ich eine Unmenge an Therapien, um mein Gehirn vom übermäßigen Nachdenken abzulenken und total erschöpft ins Bett zu fallen. Ich möchte die tiefsten Schlafphasen erreichen, damit ich die elementaren Erfordernisse des Alltages mit geringerer Kraftaufwendung meistern kann.

Ein geöffnetes Paket liegt auf dem Küchentisch, aus dem fünf Altarkerzen herausschauen. Diejenige, die auf den Stufen des Kölner Doms zur offiziellen Trauerfeier im April für Jens leuchtete, ist bei uns zuhause abgebrannt. Wir haben sie jeden Abend angezündet, egal, womit wir uns gerade beschäftigten oder ob es bereits dunkel war. Sie vermittelte das intensive Gefühl, er wäre bei uns.
Zwar mangelt es nicht an Kerzen, doch für ihn müssen es die gleichen wie im Dom sein. Daher haben wir Nachschub beim betreffenden Produzenten bestellt.
Licht spielt für mich eine wichtigere Rolle denn je. 15.10.16_Mond_20160619_231616Stehe ich des Nachts auf dem Balkon und betrachte Mond und Sterne, deren silbriges Schimmern die Bäume Schatten werfen lässt, überlege ich, ob Jens irgendwo da oben weilt. Vielleicht sucht er ja über Lichtbahnen, die die Himmelskörper herabzaubern, Kontakt zu uns? Beobachte ich, wie der rote Sonnenball den Tag begrüßt, bin ich überzeugt, er sendet uns morgendliche Grüße. Und warum sollte er die Farbenspiele des Regenbogens übersehen? Er wölbt sich im leuchtenden Bunt von der Erde gen Himmel und haben wir Glück, beugt er sich auf der anderen Seite erneut zu uns herab. Möchte Jens uns auffordern, die Buntheit des Daseins zu genießen, obwohl er in fremden Sphären schwebt?

15.10.16_ Blick vom Balkon (Regenbogen)2012.07.19 07

Licht steht für Freude, Wärme, Leben (Neubeginn) … Die Dunkelheit für Depression, Kälte, Tod … Religionen behaupten, Tod und Neubeginn würden sich gegenseitig bedingen. Besteht ein ewiger Kreislauf? Aus der Dunkelheit wird Licht, aus dem Licht Dunkelheit. Stirbt ein Mensch, wird er wieder geboren? Oder lebt er in einer unbekannten Form weiter? Gibt es gar die Auferstehung? Niemand kann das wissen und diejenigen, die es glauben, beneide ich.
Fakt ist, dass Jens es nie mochte, hielten wir uns im Dämmerlicht in der Wohnung auf. Stets knipste er die Beleuchtung an, ob wir es nun wollten, oder nicht. Dabei ergaben sich vergnügliche Diskussionen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das zu einem Ritual.
Jetzt müssen wir mit dem grausamen Verlust leben, doch jedes Mal, wenn ich den Lichtschalter bediene, sehe ich sein Bild vor mir. Nie mehr sitzen wir in dunklen Räumen.

Für heute Abend haben uns die Kinder zum Essen eingeladen. Sie hätten ein Restaurant entdeckt, dass wir noch nicht kennen würden. Eine komische Begründung! Sie wollen uns abholen, da sie verheimlichen, welches es sei. Überhaupt verhalten sie sich derart geheinmisvoll, dass mein Mann und ich sofort dasselbe denken. Ob es stimmt? Nicht auszudenken … Und wenn Ja, dann …  Mein Herz klopft.
Zumindest schleichen die heutigen Stunden nur so dahin. Endlich ist der Zeitpunkt gekommen. Thomas, Susi und Sassa fahren im Auto vor uns her. Wir folgen ihnen mit Fragezeichen in den Köpfen. Wird es dieselbe Gaststätte sein, wie damals? Alles deutet darauf hin.
Feixend steigen wir auf dem Parkplatz aus. Sie sehen uns an und lachen zurück. »Wann, an welcher Stelle habt ihr es gewusst?«, fragen sie.
»Wie weit?«, möchte ich wissen.
Ich muss mich gedulden, denn erst als wir am Tisch Platz genommen haben, werden sie auskunftsfreudiger: Susi ist in der achten Woche schwanger.
Wir freuen uns aus tiefstem Herzen.
Sie holt ein Ultraschallbild aus der Tasche, auf dem wir das winzige Wesen kaum erkennen. Der zweite Enkel ist gerade mal einen Zentimeter groß. Ich sage bewusst »er«, da es ein Junge wird. Ich versteife mich regelrecht in diesen Gedanken. »Hauptsache, gesund«, ertönt es, und das ist natürlich das Wichtigste.
Wir diskutieren über das Wunder des Lebens, welch rasante Entwicklung solch ein Miniwesen durchmacht, usw.
Immer wieder nehme ich das Schwarz-Weiß-Foto zur Hand.
Die werdende Mama fühlt sich wohl, und wir hoffen, dass die Schwangerschaft weiterhin ohne Komplikationen verläuft.
Ich muss an meine Oma denken. Ihre Worte drängen sich buchstäblich auf. Lapidar würde sie jetzt feststellen: »Der eine geht, der andere kommt.«
So geschah es auffallend oft in der Familie. Starb jemand, kam ein neues Familienmitglied auf die Welt. Sie hatte stets Sprüche parat, egal, wie sie beim Gegenüber ankamen.
›Und vielleicht‹, spinne ich den Gedanken fort, ›trägt das Kind einige Eigenschaften von Jens in sich.‹
Wie auch immer, es ist eine wunderbare Mitteilung, die uns viel Hoffnung gibt.
(Eines ist auf jeden Fall klar: Werden wir ein drittes Mal in dieses Restaurant eingeladen, ist ein weiteres Enkelkind unterwegs.)

15.10.16_Sonnenaufgang_20151025_072826

© Brigitte Voß

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