10.10.2015, Sonnabend – die Anwälte laden nach Düsseldorf ein

Wir wühlen uns durch den Düsseldorfer Verkehr, um an einer Veranstaltung teilzunehmen, in der die Rechtsanwälte den Opferangehörigen von 4U9525 ihre Überlegungen bezüglich eines Gerichtsstandes in den USA darstellen wollen.
Das Thema interessiert uns. Abgesehen davon, dass in Deutschland gesetzliche Regelungen über ein Angehörigenschmerzensgeld nicht existieren und dadurch bereits auf europäischer Ebene Ungerechtigkeiten auftreten, haben wir bis heute von der deutschen Staatsanwaltschaft kein Wort darüber gehört, wieso jener Copilot überhaupt an den Steuerknüppel eines Passagierflugzeuges geraten konnte.
Wer versteckt sich hinter den toten Schultern von Lubitz?
Wir erreichen das Hotel. Das Erste, was wir vor dem Eingang erblicken, sind Fernsehkameras, sodass wir beschließen, in der Tiefgarage zu parken, um den Fragen der Medienvertreter auszuweichen. Dafür fehlen uns in der jetzigen Situation die Nerven.
Wir verlassen das Fahrzeug und eilen zum Treppenaufgang der Garage, wo uns ein Hotelangestellter empfängt. Mit seiner Hilfe laufen wir durch verwinkelte Gänge und gelangen über einen Hintereingang in das Gebäude.
Im Vorraum sammeln sich die Angehörigen, lassen ihre Anwesenheit registrieren und erhalten ein Identifikationsband um das Handgelenk, das einen Zutritt zu den Räumlichkeiten ermöglicht, denn es handelt sich um eine interne Zusammenkunft.
Ein Buffet wartet mit Getränken und Snacks auf.
Die Veranstaltung beginnt. Neben den deutschen Rechtsanwälten sitzen ein Vertreter der US-Partnerkanzlei sowie eine Vertreterin der französischen Untersuchungsrichter auf dem Podium. Simultandolmetscher übersetzen.
Unser Anwalt schildert die festgefahrene Situation hinsichtlich der Aufklärung von Schuld und Verantwortlichkeiten, die zur Katastrophe führten. Das gebotene Schmerzensgeld sei seiner Erfahrung nach zu gering und schließe Geschwister und Großeltern aus. Er hätte mehr Entgegenkommen in den Verhandlungen mit der Lufthansa erwartet.
Gemeinsam mit der US-Kanzlei hätten sie genauestens ausgelotet, ob ein Gerichtsstand in den USA durch Umgehung des Montrealer Abkommens, an das Europa gebunden ist, denkbar sei. Er schätze die Chancen hierfür als ausgezeichnet ein, da sich das Airline Training Center, an dem Lubitz die Ausbildung absolvierte, in Arizona/USA befinde und eine Tochter der Lufthansa sei.
Der amerikanische Weg ermögliche, die Vorteile des außergerichtlichen Beweisverfahrens zu nutzen, wie zum Beispiel Zeugenvernehmungen und Beschlagnahmungen von Unterlagen durch die Anwälte selbst. Den Ursachen könne im Gegensatz zum Montrealer Abkommen auf den Grund gegangen werden.
Die französische Untersuchungsrichterin rückt das Mikrofon zurecht. Da sich das Verbrechen auf französischem Gebiet ereignet hat, sei für die Franzosen eine Klärung der Vorgänge und der Schuldfrage von größter Bedeutung. Es sei in der Rechtsgeschichte Frankreichs einmalig, dass gleich drei Ermittlungsrichter eingesetzt worden sind. Die Hinterbliebenen haben die Möglichkeit als Nebenkläger aufzutreten. Dadurch könnten sie die Akten einsehen und aktiv in die Klage eingreifen. Es sei ein strafrechtliches Verfahren und ginge nicht um Entschädigungen.
In der Pause rühre ich lustlos in der Suppe herum. Mir schwirrt der Kopf. Die Rechtswelt ist so anders als meine bisherige Welt, doch ist es wichtig, sie zu verstehen. Unseren Lieben soll Gerechtigkeit widerfahren, sofern das machbar ist.
Die zweite Hälfte der Veranstaltung beginnt. Der amerikanische Gast stellt die US-Kanzlei vor, für die er arbeitet und die, vorausgesetzt einer Mandatierung, die Interessen der Angehörigen in Zusammenarbeit mit den deutschen Anwälten wahrnehmen würde. Das Büro habe erfolgreich die größten Flugkatastrophen vertreten … sie würden nur Fälle übernehmen, die einen positiven Ausgang versprechen … eine außergerichtliche Einigung sei innerhalb der nächsten drei Jahre immer noch realisierbar …
Seine Ausführungen sind sachlich und strukturiert, trotzdem schwingt in dem Gesagten viel Menschliches mit.
Lubitz musste die Pilotenausbildung bei der Lufthansa 2008/2009 für mehrere Monate unterbrechen, weil er einen psychischen Zusammenbruch hatte. Diesbezüglich legen uns die Juristen Dokumente von Ärzten und Gutachtern mit widersprüchlichen Aussagen zur Tauglichkeit von Lubitz vor, die erschreckende Ungereimtheiten aufweisen.
Von einer Sekunde zur anderen drückt ein Kloß auf meinen Kehlkopf und weitet sich aus. Jens ist tot. Und warum???
Bereits damals habe er stark wirkende Psychopharmaka eingenommen und sei nicht in der Lage gewesen, ein Flugzeug zu steuern. Er hätte die Ausbildung für immer abbrechen müssen und aufgrund der Schwere seiner psychischen Erkrankung niemals die Pilotenlizenz erhalten dürfen. – Jens musste sterben!!!
Die Insassen des A 320 könnten noch leben. Uns wäre viel Leid erspart geblieben.
Peitschenhiebe zucken durch den Kopf. Migräne!
Ich bin froh, dass wir gleich nach der Veranstaltung zurück in die sächsische Heimat fahren.
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “10.10.2015, Sonnabend – die Anwälte laden nach Düsseldorf ein”

  1. Du schilderst hier sehr eindeutig und eindrücklich nochmal die Beweggründe, warum wir uns zu diesem Schritt entschlossen haben. Gerechtigkeit ist das Letzte, was wir den 149 unschuldig ermordeten Menschen noch zuteil kommen lassen können. Genau darum geht es. Danke dafür.

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