08.10.2015, Freitag – dies und das

Wir besuchen Jens oft auf dem Friedhof. Bunte Blumen und Gräser, die wir einer wilden Ordnung folgend in die Erde gepflanzt haben, schmücken das Grab. Unser Sohn würde das System dahinter erkennen, das dem unbedarften Vorbeigänger wahrscheinlich verborgen bleibt.
Maschinenlärm stört die friedliche Ruhe. Es ist nervend. Grabbepflanzungen werden von den beauftragten Blumenhändlern aus Wassertanks bewässert, deren Pumpen die Umgebung mit Lärm verseuchen. Oft stimmen Laubsauger sowie Mähmaschinen in den brummenden Rhythmus ein. Zumindest wochentags müssen wir damit rechnen, dass unsere Besinnung gestört wird.
Die Lebkuchen, die mein Mann zwischen den Pflanzen für Jens versteckte, sind, wie die vorhergehenden Süßigkeiten, verschwunden. Wir entdecken keinerlei Spuren, die auf Tiere hinweisen. Wir sind verärgert. Sogleich schwirren mir drohende Formulierungen mit mystischen Todesdrohungen durch den Kopf, die ich dem verhassten Dieb am liebsten schreiben würde. Sollte ich ihm einen derartigen Brief hinterlassen?

Der Schlaf ist machtlos, er kann die Verzweiflung nicht verbannen. Sie durchdringt all seine Phasen und schlägt sich in Fantasiegebilden nieder, die das Gehirn produziert.
Im Traum sprach Thomas zu mir. Plötzlich verschwamm er, wurde ein körperloses Etwas, um sich daraufhin zu Jens zusammenzusetzen. Der Vorgang wiederholte sich unentwegt, während die Doppelgestalt mit mitleidigem Unterton meinte, ich sollte nicht so empfindlich sein.
Lasse ich mich gehen? Wieso wird die Schwermut von Tag zu Tag schwerer anstatt leichter? Immerhin ist seit dem Schrecklichen ein halbes Jahr vergangen. Meinem Mann ergeht es entsprechend. Wenn ich äußere: »Vielleicht solltest du wieder arbeiten, weil es dich ablenkt?«, erwidert er: »Ich bin schlapp, das schaffe ich nicht. Die Konzentration fehlt.«
Angehörige, die wir kennen, berichten ähnliches. Etliche sind in Behandlung. Der bürokratische Kleinkrieg mit Lufthansa um materielle Entschädigungen ist im vollen Gange. Hierfür müssen wir jeden Fakt belegen, um zum Beispiel Verdiensteinbußen und Therapiekosten ersetzt zu bekommen. Ich habe den Eindruck, dass man uns, nach all dem, was geschehen ist, nicht so recht glaubt. Einige Hinterbliebene werden aufgefordert, ihre behandelnden Ärzte/Therapeuten von der Schweigepflicht zu befreien, was in Anbetracht der Ereignisse im Cockpit des A 320 verständlicherweise ein sensibles Thema ist. Sie sollen sich einem zusätzlichen Mediziner vorstellen, der bestätigt, dass eine Krankschreibung tatsächlich erforderlich gewesen ist. Auch wird verlangt, einen zweiten Therapeuten aufzusuchen, der das Gutachten eines Vertrauenstherapeuten überprüft.
Das spricht sich natürlich herum und bringt Unruhe nebst Aufregung mit sich.
Ein Fernsehsender plant, Interviews mit Angehörigen zu senden. Sie bieten an, die Gesichter zu verpixeln, Stimmen zu verstellen oder den Text nachzusprechen. Obwohl wir möchten, dass diese Katastrophe nie vergessen wird, fühlen wir uns nicht in der Lage und lehnen ab. Es würde sowieso nur um das leidige Schmerzensgeld gehen. Es gibt Hinterbliebene, die sogar Droh- und Hassbriefe erhalten, in denen ihnen vorgeworfen wird, sich am Tod ihrer Lieben bereichern zu wollen.
Die Medien sind hellhörig geworden, weil die Juristen der Opferfamilien beabsichtigen, einen Gerichtsstand in den USA zu begründen. Sie sehen darin gute Chancen und bessere Möglichkeiten, die Ursachen- und Schuldfragen zu klären und Einigungen mit der Lufthansa zu erzielen. Verlaufen die Verhandlungen ergebnislos, würde geklagt.
Die deutschen und amerikanischen Rechtsanwälte laden uns für übermorgen zu einer Veranstaltung ein, in der sie ihre diesbezüglichen Überlegungen präsentieren wollen. Wir sind interessiert.
© Brigitte Voß

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