30.09.2015, Mittwoch – 4. Reise nach Le Vernet anlässlich des ½-jährigen Gedenktages an die Katastrophe (5)

Das Flugzeug in die Heimat startet erst heute Abend. So bleibt uns viel Zeit.
Für das Frühstück mit Christa benötigen wir zwei Stunden. Abgesehen davon, dass wir uns über die gestrigen Eindrücke austauschen, geht der Gesprächsstoff nie aus. Dabei schauen die Gemälde des berühmten Sohnes von Aix-en-Provence, Paul Cézanne, auf uns hernieder. Wir sind erstaunt, als uns eine Serviererin freundlich, aber eindringlich auffordert, die Mahlzeit zu beenden, weil das Personal die Tische für das Mittagessen vorbereiten möchte.
Wir beschließen, die Stadt näher kennenzulernen. Sie erweckt durch die verwinkelten Gassen und die fremdländische Architektur unsere Neugierde.
Wir laufen und staunen. Auf den Wegen und Plätzen herrscht reges Treiben. Häuser stehen dicht beieinander, die Fensterläden, oft weiß oder blau angemalt, sind geschlossen, um die Bewohner vor der südländischen Sonne zu schützen.
Uns gefallen die alten Platanen, die ihre knorrigen Äste über die Spaziergänger strecken, um Schatten zu spenden.
Anfangs springen wir überrascht beiseite, da unvermutet Autos und Motorräder im rasanten Tempo heranpreschen und uns umzufahren drohen. Die Straßen, auf denen wir uns bewegen, erwecken die Illusion einer Fußgängerzone.
Wir besichtigen historische Kirchen. 15.09.30_Aix_Kerze_115945In jeder entzünden wir Teelichter oder lange, schmale Kerzen für Jens. Schwermütig beobachte ich das Flackern der Flammen. Ob er die Grüße bemerkt? Ich stelle mir vor, er wäre unter uns. Mit einem Schlag würde er unsere bedrückten Mienen in lachende Gesichter verzaubern …
In Aix gibt es eine Vielzahl an Springbrunnen. Die meisten stammen aus dem 18. Jahrhundert. Neben der formschönen Bauweise fallen einige durch die liebevolle Gestaltung auf.

15.09.28_Aix-grüner Springbrunnen_170358

So leuchtet ein Brunnen grün zu uns herüber. Hängepflanzen verdecken sein Mauerwerk. Ein anderer weist monumentale Dimensionen auf. Um ihn herum tosen die Fahrzeuge im Kreisverkehr.
Wir kaufen auf dem Markt einen regionalen Käse mit der Bezeichnung »Morbier«. An den Schnittflächen sehen wir eine Schicht, die sich waagerecht durch das Stück zieht. Wir vermuten, dass sie aus Blauschimmel besteht. Das Internet weiß es besser und erklärt, dass es pflanzliche Asche sei. Das amüsiert uns, sodass sich die Stimmung etwas hebt.
Eine Fülle an Cafés, Restaurants und Klubs laden zum Verweilen ein.

15.09.30_Aix_Häuser_152552

Wir nehmen Platz, trinken Kaffee und beobachten die vorbeiziehenden Menschen. Ihre Fröhlichkeit steckt an. Wir fangen an, Spaß zu haben. Letztendlich haben wir seit dem Tod von Jens nicht mehr so oft und von Herzen gelacht. Diese freudigen Stunden wirken wie eine beruhigende Salbe auf meine rissige Seele. Trotzdem habe ich ein schlechtes Gewissen. Wieso können wir vergnügt sein, wenn unser Kind tot ist? Doch irgendwie möchte ich den Moment der Leichtigkeit festhalten, er tut einfach nur gut.
›Jens hätte es so gewollt‹, rechtfertigt die Stimme in mir. ›Er hat das Lachen in die Gesichter gezaubert!‹
Zurück im Hotel, packen wir die Taschen und erwarten Gregori, der uns zum Flugplatz nach Marseille bringen wird. Überpünktlich steht der Wagen vor dem Eingang.
Auf dem Airport verabschieden wir uns herzlich von ihm.
»Be strong«, sagt er mehrfach zu meinem Mann und mir.

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Gegen Mitternacht kommen wir müde Zuhause an.
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “30.09.2015, Mittwoch – 4. Reise nach Le Vernet anlässlich des ½-jährigen Gedenktages an die Katastrophe (5)”

  1. Liebe Frau Voß ,
    Ich habe Ihre Einträge alle nacheinander gelesen und bin mit meinen Gedanken und meinem Herz bei Ihnen und Ihrem Mann, Ihren Lieben und bei Melanie
    Welch ein Verlust. Die Lebensfreude und das lebendige Wesen Ihres Sohnes ist fast fühlbar, er muss ein wunderbarer Mensch gewesen sein.
    Aus tiefstem Herzen wünsche ich Ihnen, dass die Erinnerung an Jens Ihnen Freude sein kann.
    Auch ich habe einen geliebten Menschen bei dem Flughafen Brand 1995 in Düsseldorf verloren (es ist der gleiche Mann, aus dem Aufzug, den Sie erwähnt haben).
    Ich fühle mit Ihnen und wünsche Ihnen, dass Sie das Leben neu entdecken
    Alles Liebe aus Stuttgart
    Stephane

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