29.09.2015, Dienstag – 4. Reise nach Le Vernet anlässlich des ½-jährigen Gedenktages an die Katastrophe (4)

♦SIEBENUNDZWANZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE♦
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Wir spazieren über den Friedhof, um ihn besser kennenzulernen. Die teilweise uralten Gräber ziehen uns an. Ich versuche, die Inschriften auf den Grabsteinen zu übersetzen.
Wir wenden uns dem Ausgang zu. Franzosen, etwa so alt wie wir, kommen auf uns zu und begrüßen uns auf Deutsch.
»Bonjour«, grüßen wir zurück.
Sie bleiben stehen und fragen mit Akzent: »Sind Sie Angehörige?«
Aus ihren Augen spricht die Neugierde.
Wir bejahen.
Auch sie umarmen uns und drücken ihre Empfindungen angesichts des Schrecklichen aus. Wir können uns mühelos verständigen, da sie unsere Heimatsprache beherrschen. In ihrem früheren Berufsleben hätten sie viel mit Deutschen zu tun gehabt.
Die Eheleute beginnen zu plaudern. Sie kuren wegen ihrer rheumatischen Schmerzen in Nizza. Da sie dem Ort der Katastrophe nahe sein wollen, sind sie kurzentschlossen nach Le Vernet gereist.
Das Gespräch endet mit dem VW-Skandal, der den Ehemann sichtlich erregt, da er selbst Besitzer eines Volkswagens ist. Er würde nicht nur das Auto fahren, sondern auch lieben. Die Frau ermahnt ihn auf Französisch mehrfach, das Thema abzubrechen, da es nicht zur Situation passe. Allerdings sitzt der Vertrauensbruch zu VW so tief, dass sie ihn kaum stoppen kann. Nie habe er gedacht, dass eine deutsche Firma dazu fähig sei. Die Französin sieht mich mit einem Entschuldigung heischendem Blick an. Sie verabschieden sich.
15.09.29_Le Vernet_Straße_153521Wir gehen zurück durch das Dorf. Unterwegs erblicken wir Gregori, der mit dem Fahrzeug an der nächsten Ecke parkt. Er ist uns doch gefolgt. Häufig äußert er: »I will care for you (ich betreue Sie).« Und den Satz nimmt er sehr ernst.
Wir informieren ihn, dass wir den Weg zum Katastrophengebiet einschlagen wollen.
Die folgende Antwort haben wir erwartet: »I will wait for you in my car.« Trotz unseres Protestes ist er nicht zu bewegen, im warmen Restaurant auf uns zu warten. Er setzt sich in das Auto und lächelt.
Wir verlassen die Ortschaft. Über uns dröhnen Hubschrauber ohne Unterlass.
Die Berge lugen durch die Bäume.
Eine Umzäunung erstreckt sich links neben uns.

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Hinter ihr landen die Helikopter, um ihre Last loszuwerden. Sie transportieren die mit Öl und Kerosin kontaminierte Erde in weißen Säcken, die an einer Leine unterhalb der Maschine hängen, zu diesem Lagerplatz.

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Nachdem wir etwa zwei Kilometer gewandert sind, kommen wir an eine Absperrung, die mehrere amtliche Schreiben umrahmen. Sie sprechen das Verbot aus, die Umgebung der Unglücksstelle am Col de Mariaud für die Dauer der Umweltsanierung zu begehen oder zu befahren. Die Schranke sei videoüberwacht.

15.09.29_Absperrung_163600Melanie hatte bei ihrem letzten Besuch versucht, sie nicht zu beachten. Sie lief nur wenige Schritte, bis die Security entgegenkam und sie höflich, jedoch mit strengem Unterton aufforderte, umzukehren.
Auch wir könnten versuchen, an der Sperre vorbeizugehen. Doch wozu provozieren? Es ist eben, wie es ist. Irgendwann werden wir das Absturzgebiet direkt betreten – dessen bin ich mir sicher.
Wir kehren um. Inzwischen ist es empfindlich kalt geworden. Ich sorge mich um Gregori, der geduldig auf uns wartet. Er wird in seiner dünnen Jacke frieren.
Wir finden ihn im beheizten Fahrzeug. Als er uns entdeckt, springt er auf und eilt zu uns. Wir entschuldigen uns für das späte Kommen, haben sogar ein schlechtes Gewissen. Er aber erklärt, er sei für uns da.
Nachdem wir im Hotel angekommen sind, bedanken wir uns herzlich bei ihm. Wir erfahren, dass er uns morgen zum Flugplatz »Marseille Provence« bringen wird.
Es ist 20:00 Uhr.

(Fortsetzung folgt)

© Brigitte Voß

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2 Gedanken zu “29.09.2015, Dienstag – 4. Reise nach Le Vernet anlässlich des ½-jährigen Gedenktages an die Katastrophe (4)”

  1. Liebe Frau Voß,
    ich möchte nur , dass Sie wissen, dass immer noch sehr viele Menschen Anteil an dem schrecklichen Schicksal nehmen, das Ihnen allen widerfahren ist.
    Eine Freundin von mir zum Beispiel hatte über 1 Jahr bei „WhatsApp“ als Profilbild einen Trauerbanner mit der Flugnummer, die wir alle kennen; obwohl sie niemanden bei dem Unglück verloren hat.
    Bleiben Sie stark !!
    Das wünscht sich für Sie und Ihren Mann, ebenso wie allen anderen Freunden, Verwandten, Kollegen, die bei dieser unvorstellbaren Katastrophe einen geliebten Menschen verloren haben : Gaby

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