29.09.2015, Dienstag – 4. Reise nach Le Vernet anlässlich des ½-jährigen Gedenktages an die Katastrophe (3)

♦ SIEBENUNDZWANZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Wir beschließen, zum Friedhof zu laufen. Gregori möchte hinter uns herfahren, damit er zur Stelle ist, sollte es regnen. Ich schaue zum blauen Himmel empor. Wir lehnen seinen Vorschlag ab. Außerdem hätte er es im Gebäude gemütlicher. Unsere Bemühungen sind leider vergebens.
Wir legen die Blumen auf das zweite Grab, die wir unterwegs gepflückt haben.

15.09.29_Le Vernet_Friedhof_waagerecht_145413»Wenn ich nur wüsste, ob hier überhaupt Teile von Jens beerdigt sind«, murmele ich vor mich hin.
Mein Mann erwidert: »Das werden wir wohl nie erfahren.« Er überlegt und spricht weiter:« Irgendwelche Atome von ihm liegen hier. Ganz bestimmt!«
»Atome?«, grübele ich fragend, um anschließend festzustellen: »Die haben keine DNA. Du wirst nie feststellen können, ob sie von ihm sind.«
»Hier sind Atome vom Jens drin«, beharrt er mit fester Stimme.
Ich seufze. »Wie wäre es mit Protonen und Elektronen? Und die setzen sich aus immer kleineren Teilchen zusammen.«
Er schweigt.
Zwei reale Gräber für Jens. Wir hatten eine Beerdigung in Deutschland und eine in Frankreich. Die Stelle des Flugzeugabsturzes betrachten wir als die dritte Grabstätte.
Weilen wir an einem dieser Plätze, werden wir stets daran erinnert, dass Jens auf verschiedene Orte aufgeteilt ist. Ein einziges Grab wäre mir lieber. Allerdings sind drei besser als gar keins.15.09.29_Le Vernet_Friedhof_senkr_45710
Mich interessiert, wie viele menschliche Fragmente insgesamt aufgefunden worden sind. Wir wissen, dass von unserem Sohn nur wenig zurückgekommen ist, sehr wenig. Wo ist der Rest? Liegt er noch tief in den Boden der Berge gepresst? Wurde wirklich der größte Teil pulverisiert? Oder streiften hungrige Tiere durch das Katastrophengebiet? Ich gebe zu, derartige Überlegungen sind makaber, doch entsprechen sie den Fakten, mit denen die Hinterbliebenen von 4U9525 fertig werden müssen, sofern sie es nicht bevorzugen, zu verdrängen.

Ein Tuscheln im Hintergrund reißt uns aus den trübsinnigen Gedanken. Ich schaue zum Friedhofstor und entdecke ein älteres Paar, das uns beobachtet. Ich beachte sie nicht weiter, und studiere erneut den Rasen vor mir, unter dem ineinanderverkeilte Körperteile der 150 Verstorbenen liegen, sodass eine Zugehörigkeit nicht ermittelt werden konnte.
Die zwei Personen verlassen den Friedhof. Ich höre, wie ihre Schritte in der Ferne verstummen.
Wir haben zur Beerdigung im Juli die vier Holzbehälter gesehen, die die menschlichen Überreste enthalten. Hoffentlich befinden sich die von Jens in einem anderen Behälter als die seines Mörders.
15.09.29_Le Vernet_Friedhof_151346Nach einigen Minuten kehrt das Paar zurück und zündet an einem der Nachbargräber eine Kerze an. Die Frau kommt auf uns zu. Das Leben hat kantige Falten in ihr Gesicht gegraben.
»Parlez-vous français?«, fragt sie mit rauchiger, ungewöhnlich tiefer Stimme.
»Un peu (ein wenig)«, erwidere ich.
»Gehören Sie zur Familie eines der Opfer?«
»Ja, unser Sohn starb bei dem Flugzeugabsturz«, antworte ich bereitwillig.
Ihre Augen leuchten bekümmert zu uns herüber. Sie schweigt. Der vermutliche Ehemann steht hinter ihr.
Schließlich sagt sie: »Ich möchte Sie so gern in den Arm nehmen.« Sie schaut uns fragend an.
Ich gehe einen Schritt auf sie zu. Sie presst mich an sich und stammelt Worte des Mitgefühls. Mit den Fingern spreizt sie die Zigarette, von der sie soeben einen geräuschvollen Zug genommen hat, weit von mir ab. Anschließend umarmt sie meinen Mann.
Der Partner tut es ihr gleich.
Sie berichtet, dass die Dorfbewohner über das brutale Geschehen, dass sich in den geliebten Bergen ereignete, für immer geschockt sein werden. Sie sehen die Hinterbliebenen durch den Ort zum Friedhof laufen und begleiten sie mit ihren Herzen.
Leider verstehe ich nicht all das Gesagte.
Sie wünschen uns viel Kraft und entfernen sich.

(Fortsetzung folgt)

© Brigitte Voß

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5 Gedanken zu “29.09.2015, Dienstag – 4. Reise nach Le Vernet anlässlich des ½-jährigen Gedenktages an die Katastrophe (3)”

  1. Liebe Brigitte,
    beim Lesen dieses Beitrages rinnen mir wieder die Tränen über das Gesicht.
    Die Stelle an der die Französin Dich umarmen möchte und es auch tut, zerreißt mich fast.
    Das genau ist es, was man als mitfühlender Mensch gerne mit allen betroffenen machen möchte – einfach in den Arm nehmen, gemeinsam weinen und Mitgefühl zeigen.

    Hilla

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  2. Liebe Gitti,

    auch ich stehe immer fragend vor diesem Grab in Le Vernet.
    Aber – tief in mir ist mein Seelenfrieden dort oben am größten. Ich spüre dort ein deutliches, intensives Band zu Claudia, noch viel mehr als hier, an all den Orten die uns gemeinsam waren.
    Leider ist ja auch von Claudi nur sehr wenig irdischer Körper Zuhause angekommen, sodass ich davon ausgehe, in diesem Grab in Le Vernet ist auch sie begraben.
    Wie geht man damit um?
    Ehrlich gesagt – ich weiß es nicht.
    Es gibt Tage, da hält mich der Gedanke an ein Wiedersehen.
    Was mich IMMER aufrichtet, ist ehrliche Freundschaft (Danke Hilla ♡) und die Verbundenheit zu Euch anderen Angehörigen.
    Bis an unser LebensEnde hat uns der Mord unserer 149 geliebten Menschen zueinander geführt und – gemeinsam sind wir stark. So hoffe ich.
    Umärmel. BeAte.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Beate,
      menschliche Wärme und Nähe sind so wichtig bei der Verarbeitung all des Schrecklichen. Stell dir vor, wir hätten in dieser Situation keine Familie, keinen guten Freund, keine Opferangehörigen, mit denen man sich über alles Mögliche austauschen kann, so wären ganz auf uns allein gestellt … Nein, in mir sträubt sich jede Faser gegen diesen Gedanken. Das würde man wohl kaum überstehen.
      In diesem Sinne drücke ich dich fest
      Gitti

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