29.09.2015, Dienstag – 4. Reise nach Le Vernet anlässlich des ½-jährigen Gedenktages an die Katastrophe (2)

♦ SIEBENUNDZWANZIG WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Noch im Bett kann ich das Klingeln des Weckers kaum erwarten, weil die Schlaflosigkeit wie eine lästige Klette an mir haftet. Ich stehe auf, lege mich wieder hin, um erneut einige Schritte durch das Zimmer zu laufen.
Der psychische Schmerz verstärkt die körperlichen und vertreibt jegliche Entspannung. Bin ich erst einmal wach, kommen die Gedanken an den fatalen Absturz und die Maschinerie der Grübelei beginnt zu rattern – in einer Schleife, die keinen Ausgang findet.
Gemeinsam nehmen wir das Frühstück ein. Die französischen Käse schmecken. Das Buffet bietet auffallend viel Gebäck und Kuchen.
Gegen 10.00 Uhr verlassen wir das Hotel, wo vor dem Eingang ein Shuttle auf uns wartet. Der Chauffeur stellt sich mit „I am Gregori“ vor und fällt durch seine freundlich ruhige Art auf.
Während der Fahrt reden wir kaum. Es wird traurig werden, oben in den Bergen.
Wir schauen zum Fenster hinaus und betrachten die vorbeihuschenden Häuser, Bäume, Flüsse oder Menschen. Der Himmel ist blau. In der Provence herrscht eine besondere Helligkeit. Die Schönheiten der Landschaften erstrahlen im Dauerschein des Lichts. Doch für Jens bedeuten sie ewige Finsternis. Ich kann sie spüren, selbst wenn die Sonne scheint. Mein Herz ist schwer.
Von Aix benötigen wir bis Le Vernet etwa zwei Stunden. Das ist etwas kürzer als die früheren Transfers von Marseille aus und daher angenehmer.
Das Fahrzeug nimmt die letzten Serpentinen, die sich steil bergauf winden.
Wir steigen aus. Das erste Ziel ist, wie bei den vorangehenden Besuchen auch, die Stele, die nur wenige Tage nach der Katastrophe aufgestellt wurde. Die Koniferen, die sie umsäumen, sind neu für uns.
Die Berge sind weiß gepudert und leuchten freundlich zu uns herüber. Nichts deutet darauf hin, dass sich hinter ihnen ein unfassbares Verbrechen ereignete.
Kein Laut ist zu hören.
Hier herrscht eine Ruhe, die anderswo kaum noch existiert. Sie ist absolut.

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Dieser Ort ist schrecklich schön – er ist schrecklich und schön – er ist ein Widerspruch in sich selbst und wirkt verwirrend auf meine Sinne.
Christa wischt sich über die Augen und blinzelt. Der Copilot war einer ihrer Kollegen, er hat 149 Leben abrupt beendet und damit den Familien, Freunden und Bekannten unermessliches Leid gebracht. Sie trauert mit uns.

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Wir legen das cognacfarbene Band, das unser Blumengesteck anlässlich der Beerdigung in Leipzig zierte, vor die Stele. Weithin leuchtet die geschwungene Goldschrift, die den Satz „Deine Fröhlichkeit fehlt uns“ formt.
Ich fühle mich stabil und bekämpfe erfolgreich die aufkeimenden Tränen.
Der Fahrer wartet im Restaurant „L’Inattendu“.
Langsam wenden wir uns ab, um in den Gedenkraum zu gehen. Dort haben Bewohner in liebevoller Kleinarbeit Gegenstände, Fotos und Kerzen, die die Angehörigen im Laufe der sechs Monate vor den Gedenkstein gelegt hatten, den entsprechenden Opfern zugeordnet und auf Tischen verteilt.
Alles liegt am gewohnten Ort: sein Triathlonanzug, das Sporthandtuch des Vereins, die Fotografien, ein bunter Handabdruck der zweijährigen Enkelin, ein Brief, den die Susi an ihren Schwager schrieb, Windlichter, beklebt mit Todesanzeigen, usw. Damit gedenken die Familie, die Freunde sowie die Sportkumpel Jens.
So viele hoffnungsvolle Herzen hörten gleichzeitig am selben Felsen auf zu schlagen. Mit ihnen starben Schicksale, Hoffnungen, Pläne …
Zumeist junge Menschen mussten ihr Leben lassen. Die Schüler aus Haltern haben durchschnittlich sechzehn Lebensjahre erreicht.
Die Verstorbenen lachen uns von Fotos entgegen, die aus einer unendlich fernen Zeit zu stammen scheinen.
Es tut so weh. Christa wühlt ein Taschentuch aus ihrer Umhängetasche.
Wir geben den Schlüssel des Raums den Besitzern des Restaurants zurück. Es sind Christelle und Teddy, die wir bei einem früheren Besuch kennengelernt hatten. Sie servieren den Bergungskräften, die an der Unglücksstelle das kontaminierte Erdreich abtragen, das Mittagessen. Wider Erwarten haben sie nicht mit unserem Eintreffen gerechnet. Irgendetwas ist in der Organisation schiefgegangen. Christelle verweist auf eine andere Gaststätte. Erst jetzt bemerkt sie, wer wir sind. Erkennen blitzt in ihren Augen auf. Sofort drückt sie uns zur Begrüßung auf französische Weise links und rechts ein Küsschen auf die Wange.
Obwohl nicht eingeplant, kocht sie uns ein wohlschmeckendes Fischgericht. Nachdem wir einen Tisch nebst Stühlen vor das Gebäude gestellt haben, fordern wir Gregori auf, sich zu uns zu setzen, damit wir gemeinsam speisen und uns unterhalten können. Nach einigem Zögern nimmt er die Einladung an.
Der Wind weht frisch zu uns herüber, trotzdem schafft es die Sonne, uns zu wärmen.
Als Dessert gibt es Käse aus der Region, die uns derart begeistern, dass wir nicht bemerken, wie satt wir eigentlich sind.
Ein Herr in Arbeitssachen verlässt das Restaurant, um zu telefonieren. Christa erkennt in ihm einen Kollegen und holt einen Stuhl. Er hilft, das mit Kerosin verseuchte Erdreich an der Unglücksstelle abzutragen und vermutet, dass in etwa drei Wochen die Sanierungsarbeiten beendet sein werden. Was danach geplant sei, liege in französischer Hand. Weiterhin erfahren wir, dass wir entgegen der bisherigen Annahme nie direkt zur Absturzstelle gelangen könnten, da ihr Zugang zu gefährlich sei. Jedoch sei vorgesehen, eine Aussicht auszubauen, von der aus das Gebiet der Katastrophe gut zu sehen sei.
Diese Auskunft gefällt mir absolut nicht. Auch wenn es ein schrecklicher Ort ist, ich möchte der Felswand unmittelbar gegenüberstehen, an der Jens so grausam sterben musste.k-20150929_134550

Plötzlich liegt Aufregung in der Luft. Christelle und einige Bergungskräfte stehen wenige Meter vor uns. Ihre Stimmen schwirren durcheinander. Offensichtlich ist Almabtrieb, denn die Kühe kommen den Berg hinunter, um die kalte Jahreszeit in den Ställen des Dorfes zu verbringen. Sie werden von den Menschen begrüßt. Wir gesellen uns zu ihnen.

(Fortsetzung folgt)

© Brigitte Voß

 

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