28.09.2015, Montag – 4. Reise nach Le Vernet anlässlich des ½-jährigen Gedenktages an die Katastrophe (1)

Es klingelt. Der Taxifahrer wartet vor der Tür.
Wir fliegen erneut nach Südfrankreich, das der Flugzeugabsturz für immer an unser Leben gekettet hat.
Die entsprechenden Abläufe sind zur Routine geworden: neugierigen Chauffeuren erklären, dass wir nicht in den Urlaub aufbrechen, eventuell absprechen, wann sie uns wieder abholen sollen, einchecken, warten, ins Flugzeug einsteigen, umsteigen …
Dieses Mal wechseln wir in München die Maschine, oft ist es Frankfurt. Direkt vor der Gangway empfängt uns Christa, eine Betreuerin der Lufthansa, die wir anlässlich des ersten Besuches in Le Vernet schätzen gelernt hatten.
Überraschenderweise widersprach keiner der Verantwortlichen unserem Wunsch, sie solle sich ein zweites Mal um uns kümmern. Bisher wurde er mit der Begründung verwehrt, die seelischen Belastungen könnten für die SAT-Mitglieder zu groß werden. Möglicherweise war das gerechtfertigt. Die Begleitung der Opferangehörigen erfordert innere Stärke und Sensibilität. Stimmt das Gleichgewicht nicht, ist das sowohl für den Trauernden als auch für den Helfenden von Nachteil. Zusätzlich wurde jeglicher Nachfolgekontakt zum Schutz der Betreuenden nur ungern gesehen. Kennt man allerdings sein Gegenüber gut, weiß, mit wem man sich einlässt, und sind beide Parteien einverstanden, dürfte es in Ordnung sein.
Christa umarmt uns zur Begrüßung innig.
Der Strecke nach Frankreich verläuft reibungslos. So prächtig der Ausblick auf die schneebedeckten Berge und die Küstenlinie des Mittelmeeres ist, kann er nicht genügend ablenken, um die aufsteigende Unruhe in mir zu unterdrücken, die bei Landeanflügen lästig wird. Es ist nicht mehr die Panik, die unmittelbar nach der Katastrophe auftauchte, doch sehe ich in meiner Vorstellung immerzu Felsen, die in rasanter Geschwindigkeit größer werden, sich in den Airbus rammen und ihn samt den schreienden Passagieren pulverisieren. Diesen Endlosfilm, der die Schönheit der Landschaften, die unter mir vorbeiziehen, überlagert, versuche ich vergebens, aus dem Kopf zu verscheuchen.
Auf dem Flugplatz Marseille halten wir Ausschau nach dem Chauffeur, der uns zum Hotel in Aix-en-Provence bringen soll. Wir sichten niemanden, der ein Schild mit unserem Namen in die Höhe reckt. Außerhalb des Gebäudes ändert sich die Situation nicht. Christa geht auf die Suche. Mit Erfolg. Der junge Franzose hört kaum auf, sich zu entschuldigen, obwohl wir beteuern, dass das kein Drama ist. Wir fahren in einem Shuttle mit Bar an Bord nach Aix. Bezüglich der Flüge, Unterkunft, und der erforderlichen Fahrten zeigt sich die Lufthansa/Germanwings meiner Meinung nach großzügig, wenn man bedenkt, wie es den Hinterbliebenen früherer Katastrophen ergangen ist (zum Beispiel der Absturz der Birgenair-Maschine 1996, bei dem die Angehörigen sich selbst überlassen blieben).
Das Hotel liegt an einer belebten Straße, sodass wir die Fenster geschlossen halten. Nach dem Auspacken verschaffen wir uns einen ersten Eindruck von der Stadt. Sie soll eine der schönsten Frankreichs sein.
Den Abend verbringen wir mit der Betreuerin im Hotelrestaurant. Wir mögen sie immer mehr, was offensichtlich auf Gegenseitigkeit beruht. Sie ist eine exzellente Zuhörerin, wobei sie uns in die Augen schaut und jeder Regung genauestens registriert. Die Gespräche führen zum Nachdenken und klammern das traurige Ereignis und die damit verbundenen Gefühle keineswegs aus.
Bevor wir zu Bett gehen, zerren wir die gemeinsame Bettdecke, die am Fußende nach Art der Franzosen straff um die Matratze gestopft ist, mühsam heraus. Stets habe ich bei dieser Zudeckart das Empfinden von kalten Füßen.
Ich bin gespannt auf den morgigen Tag. Wie wird das Grab der nichtidentifizierbaren menschlichen Überreste in Le Vernet auf uns wirken? Ist es doch der erste Besuch seit der zweiten Beerdigung.
Wir wollen versuchen, uns der Absturzstelle so weit wie nur möglich zu nähern. Wir werden alle Zeit der Welt haben, da wir die einzigen Angehörigen vor Ort sind.
‚Jens, wir kommen!‘, freue ich mich vor dem Einschlafen.

((Fortsetzung folgt))

© Brigitte Voß

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