24.09.2015, Donnerstag – ein halbes Jahr nach der Katastrophe

Der heutige Tag schmerzt besonders. Die 24 ist für meinen Mann, für viele Angehörige, auch für mich zu einer magischen Unglückszahl geworden. Der Monat dahinter zeigt an, dass vor einem halben Jahr das Schreckliche geschah. Sechs lange Monate, die doch so schnell vergangen sind, mussten wir ohne unsere Lieben leben. Für die Zukunft werden wir uns daran gewöhnen müssen. Kann man das?Jens10
Die Umstände, die mit der unfassbaren Katastrophe zusammenhängen, möchte ich gern vergessen. Trotzdem drängen sie permanent in mein Gehirn. Mich quälen die Gedanken, dass Jens ermordet wurde, sein Körper durch die Wucht des Aufpralles zerfetzt wurde, dass hoch oben in den Bergen eventuell noch menschliche Überreste liegen, die die ungeheuerlichen Kräfte in den Boden pressten, sodass sie bisher unauffindbar sind …
Hinzu kommt diese Unwahrscheinlichkeit. Zum Jahreswechsel lebten 7.284.283.000 Menschen auf der Erde. Nur 149 steigen in den Flieger, einer von ihnen ist Jens. Der 150-zigste ist depressiv. Wie viel Prozent der Depressiven, die sich umbringen wollen, tragen das Böse in sich? Das Böse, dass bei dem Massenmord auch unseren Sohn in den Tod riss?
Da grübele ich mich durch die Nächte, obwohl der Verstand sagt: »Du kannst lamentieren, wie du willst, dein Kind wird nie wieder lebendig.« Und das ist der Horror, der uns Angehörige für den Rest des Lebens begleiten wird.
Zusätzlich hat der Copilot eine tiefe Spur der Traurigkeit hinterlassen, nicht nur in den engen Vertrauten der Verstorbenen. Wenn ich an die zahlreichen Kontakte von Jens denke, kommt eine stattliche Personenzahl zusammen. Es sind 149 Opfer, deren Familien, Freunde, Kollegen oder Bekannten unter dem Flugzeugabsturz leiden. Der Copilot hinterlässt ebenfalls Eltern und Angehörige, die trauern.
Nie wieder wird Jens den Arm um mich legen oder so betont männlich sagen: »Na Mutter.«
Seine Stimme und sein Lachen werde ich nie vergessen, so auch sein etwas heißeres Schreien als Baby, auch nicht die kleine Quasselstrippe, die er als Kind war, wie er größer wurde und sich zu einem Mann entwickelte, usw. Jede Etappe war schön.
Oft habe ich gesagt: »Unsere Söhne sind das Beste, was mein Mann und ich zustande gebracht haben.« Jetzt stehe ich erst recht dazu.
Die ihn kannten, vermissen ihn. Außer der Familie sind es die Freunde, Sportkumpel, Kollegen und weitere Bekannte.

Sein bester Freund schrieb uns kurz nach der Tragödie:
»… Momentan geht‹s mir so, dass ich jeden Tag an Jens denken muss, gewollt oder nicht. Z.B. gestern Abend war ich zum Badminton. Ich war danach allein in der Garderobe und von einem Moment auf den nächsten rauschten mir Gedanken über den armen Jens durch den Kopf, wie er sich in den letzten Minuten/Sekunden gefühlt haben muss, dass er jetzt einfach nicht mehr da ist und das dies doch nicht real sein kann. Irgendwie kommt mir das Ganze immer noch nicht fassbar vor. Es fällt mir teilweise schwer mich tagsüber auf meine Arbeit zu konzentrieren.  … aber genug von mir; …«

Ein Kollege sagt von ihm:
»Wenn er morgens ins Büro kam – meist auf dem Fahrrad und mit wind-geföhnten Haaren – und sich an den Computer setzte, tat er dies immer mit einem Elan und einer Fröhlichkeit, die auf seine Kollegen sofort ansteckend wirkte. Egal ob er mit Kollegen, Kunden, Geschäftspartnern sprach, telefonierte oder E-Mails schrieb, diese mitreißende Art setzte sich über den Tag fort, bis er sich dann am Nachmittag verabschiedete. Dabei war seine Fröhlichkeit und Zuversicht niemals aufgesetzt oder gespielt, sondern entsprach einfach seiner Einstellung.«

Seine Sportsfreunde erzählen von einem Triathlon:
»Nachdem wir uns schon auf der Laufstrecke trafen, kreuzten sich unsere Wege erneut beim Laufen. Jens kam mir mit seinem breiten Grinsen entgegen und streckte dabei seine linke Hand aus, sodass ich sie abklatschen konnte, und rief mir aufmunternde Worte zu. Seinen fröhlichen Gesichtsausdruck, die positive Energie, die er auch in diesem Moment ausstrahlte, obwohl auch er mit den hochsommerlichen Temperaturen zu kämpfen hatte, werde ich sicher nie vergessen.«

Jens1oder:
»Wir lernten Jens als immer fröhliche Person kennen, auf die immer Verlass war. Kaum jemand in unseren Kreisen hatte bei den quälendsten Sporteinheiten im Wasser, auf dem Rad, oder in den Laufschuhen ein so freches, aber stets fröhliches Grinsen auf dem Gesicht wie Jens. Viele seiner witzigen Sprüche und die stets gute Laune ließen uns bei quälender Hitze gute Laune behalten und auch an den vielen kalten Lauftagen strahlen.«

… LIEBER JENS, WIR VERMISSEN DICH SO SEHR. KOMM DOCH EINFACH WIEDER ZURÜCK …

© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “24.09.2015, Donnerstag – ein halbes Jahr nach der Katastrophe”

  1. Hallo Frau Voß,

    auch von mir liebe Grüße und viel Kraft. Wenn man zwischen den Zeilen liest, ist die Liebe ganz klar zu erkennen. Nicht nur von Ihnen, sondern auch von seinen Kollegen und Freunden. Ich wünsche Ihnen auf kurz und lang alles Gute für Sie und Ihrer Familie.

    Alles Liebe,
    eine Bestatterin

    Gefällt 1 Person

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