23.09.2015, Mittwoch – Widrigkeiten und Zeremonien

Wir erhalten einen Anruf vom Amtsgericht, dass der bereits lange geplante Termin wegen des Erbscheins platzt, da eine Kollegin erkrankt sei.
»Ja, aber …, staune ich, »wo ist denn die Vertretung?«
»Haben wir nicht.«
»Wieso?«, erwidere ich mit aufkeimender Wut in der Stimme.
»Ich habe niemanden, der das an ihrer Stelle erledigen kann.«
»Sie haben nur eine befähigte Mitarbeiterin, die in der Lage ist, uns das Papier auszuhändigen?« Mir verschlägt es kurz die Sprache, nachfolgend bemerke ich: »Wir warten doch schon sooo lange!«
Wir müssen erfahren, dass das gewünschte Dokument nicht einmal vorliege und daher eine Übergabe unmöglich sei. Das Amtsgericht in Düsseldorf habe seit dem letzten Termin lediglich unsere Aussage überprüft, dass Jens kein Testament geschrieben habe.
Zum jetzigen Treffen mit dem Leipziger Amt sollten wir eine eidesstattliche Erklärung abgeben, die besagt, dass wir die Eltern sind, damit der Antrag auf Erbschein überhaupt erst gestellt werden könne.
»Wie Bitte?!«
Mit gequälter Freundlichkeit wiederholt sie das bereits Gesagte.
Entweder hatte uns die Behörde den Hergang nicht richtig erklärt, oder wir haben ihn missverstanden.
»Die Kollegin ruft Sie zurück, sobald sie wieder gesund ist«, erfahre ich noch.
»Wann wird das sein?«
»Keine Ahnung. Vielleicht zwei Wochen«, lautet die Antwort.
Grußlos lege ich auf.
Da wir die Haupterben sind, wollen wir den Nachlass von Jens mit seiner Freundin regeln. Was ihm gehörte, soll sie behalten. Wir nahmen an, wir könnten das zügig erledigen, um wenigstens einen Vorgang abhaken zu können. Das war wohl schlichtweg naiv gewesen.
Als Voraussetzung für den Erbnachweis dient die Sterbeurkunde. Bis wir sie allerdings in den Händen halten durften, ist, bedingt durch die besonderen Umstände des Todes, viel Zeit ins Land gegangen. Hinzu kommt, dass die Beamten drei Monate benötigt haben, um festzustellen, dass wirklich kein Testament vorliegt. Wie lange wird es dauern, bis wir den Erbschein erhalten? Und die folgenden Schritte? Ämter werden gewisse Steuern einfordern, was eine versierte Steuerberaterin erforderlich macht, Banken werden ein Wörtchen mitreden, Verträge, die ein Notar aufsetzen muss, sind notwendig, usw.
Das wird Geduld und Nerven fordern. Die Mühlen der Behörden und der Bürokratie mahlen unaufhörlich. Sie nehmen keine Rücksicht auf den Schmerz angesichts des unermesslichen Verlustes und der fürchterlichen Todesumstände.
Ich versuche, die Gedanken an all die Widrigkeiten zu verscheuchen und stecke frische Blumen in die kleine Vase, die vor dem Foto von Jens steht. Meist pflücken wir sie irgendwo, wo wir gerade unterwegs sind. Wildblumen gefallen uns besser als die künstlich gezüchteten. Doch der Herbst erfüllt die ihm zugedachte Pflicht, Gewächse welken und sterben zu lassen, sodass wir die Blumenhändler aufsuchen müssen.
Kurz nach der Katastrophe stellte mein Mann Bilder von Jens in der Wohnung auf, die ihn mit seinem lieben Lächeln zeigen. Anfangs vermied ich, sie anzuschauen, schlug die Augen nieder, weil ich die einstürmenden Gefühle kaum aushielt. Mit der Zeit hat sich das gegeben.
Ich zupfe die Pflanzen in der Kristallvase zurecht, er soll es schön haben.
Das Abpflücken von den Wiesen und Sträuchern, das Arrangieren vor der Fotografie sind wie das allabendliche Anzünden einer Kerze zu einer regelmäßigen Zeremonie geworden. So ist Jens immer dabei.
Der morgige Tag wird schwer. Ich erwarte ihn mit gemischten Empfindungen. Vor einem halben Jahr riss ein Copilot unser Kind aus dem Leben. Ich mag gar nicht daran denken. Die Traurigkeit schmerzt, sie ist wie ein dunkler Strudel, der mich zu verschlingen droht. Sogar im Schlaf spüre ich sie.

Es haben sich Angehörige zusammengefunden, die anlässlich des halbjährigen Gedenkens eine Anzeige gestaltet haben. Wir wollen sie im weltweiten Web verteilen:

15.09.23_Anzeige halbjähriges Gedenken© Brigitte Voß

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