16.09.2015, Mittwoch – Freude und Leid

Ich befürworte von Herzen, dass der Bundespräsident Joachim Gauck die Bürgermeister von Le Vernet (Monsieur Balique) und Prads (Monsieur Bartolini) sowie weitere ehrenamtliche Helfer der französischen Region am 11./12. September zu persönlichen Gesprächen in den Park und das Schloss Bellevue eingeladen hat. Sie haben die Folgen der Germanwings-Katastrophe hautnah erlebt und durch ihren selbstlosen Einsatz eine ungewöhnliche Solidarität bewiesen. Mit Sicherheit war es für sie nicht leicht, uns Trauernden gegenüberzustehen, uns zuzuhören, die Tränen zu trocknen und Worte des Trostes zu finden. Sie waren stets vor Ort. Als die Nächte noch kalt waren (das Bergdorf liegt in einer Höhe von 1200 m), haben die Frauen die Blumen, die die Angehörigen für ihre Lieben vor die Stele gelegt hatten, hereingeholt, damit der Frost ihnen nicht schadet. Auch die Erinnerungsstücke an die Toten, die sich davor ansammelten, ordneten sie sorgsam im Gedenkraum an. Das sind nur einige Beispiele, die mir bekannt sind.
Der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin Angela Merkel dankten den Franzosen anlässlich des Bürgerfestes für ehrenamtlich engagierte Menschen.

Die Lufthansa hat einen Hilfsfonds eingerichtet und mit 15 Millionen Euro ausgestattet. Dieser soll für Projekte und Initiativen, die dem Gedenken der Opfer gewidmet sind und aus dem Kreis der Hinterbliebenen kommen, genutzt werden. Ich überlege, wie wir das im Fall von Jens anwenden könnten. Doch leider ohne Ergebnis. Ich hoffe auf weitreichendere Erklärungen, sodass ich mir Genaueres vorstellen kann.
Ein Teil des Fonds wird zur langfristigen Ausbildungsfinanzierung von Waisen und Halbwaisen verwendet.
Das Kuratorium, welches über die Verwendung der Gelder entscheidet, wird sieben Mitglieder umfassen. Drei davon stellt die Fluggesellschaft. Die der Angehörigen sollen je aus Spanien, Deutschland und einem weiteren Land stammen. Jeder von uns hat die Möglichkeit, sich dafür zu bewerben. Im Anschluss können wir in einer Wahl die Kandidaten ermitteln.
Frau Edda Huther, frühere Präsidentin des bayerischen Verfassungsgerichtshofs und des Oberlandesgerichts München, soll den Vorsitz übernehmen.
Ich weiß nicht, was die Lufthansa für Projekte meint. Zum Beispiel ist für uns wichtig, dass am zweiten Grab in Südfrankreich die Namen der Opfer genannt werden, ob in Form einer Grabplatte oder Stele, ist egal. Doch warum dazu einen Hilfsfonds gründen? Die Zukunft wird zeigen, wie sich die Sache entwickeln wird.

Heute haben wir von Germanwings einen Zugangscode erhalten. Er ermöglicht uns den Zugriff auf die Website, die die im Vorfeld fotografierten und katalogisierten persönlichen Gegenstände zeigt, die unseren Toten namentlich nicht zugeordnet werden konnten. Anbei befindet sich ein Formular, auf dem wir angeben sollen, welche wir zurückhaben wollen und ob wir sie gereinigt oder im Istzustand wünschen.
Sollte es Überschneidungen der Herausgabeansprüche geben, wird versucht, die Berechtigung im Einzelfall mit den Beteiligten zu klären.
Die Zusammenstellung wird Mitte November wieder geschlossen. Die Objekte, die innerhalb der angegebenen Frist nicht erkannt worden sind, verbleiben auf der Website und können zu einem späteren Zeitpunkt nochmals aufgerufen werden. Tauchen in Zukunft weitere Sachen auf, würde man sie erneut zur Ansicht den Erbberechtigten zugänglich machen. Möglicherweise bringen die Reinigungsarbeiten im Absturzgebiet oder die Witterung noch einiges zutage.
Möchte ich mir die Seite überhaupt ansehen? Ich habe Angst. Doch je länger ich den Moment hinauszögere, desto heftiger klopft mein Puls gegen die Adern. Schließlich öffne ich den Laptopdeckel. Bei der Eingabe der Zugangsdaten treffen die Finger öfters die falschen Tasten. Der Katalog, der die nichtidentifizierten Gegenstände mit Fotos und kurzen Beschreibungen auflistet, öffnet sich. Ich linke mich durch die Menüpunkte, sehe mir die Bilder an und fange fürchterlich an zu heulen. Ich betrachte Blusen, Jeans, Schuhe und andere Kleidungsstücke, die die Opfer zu Lebzeiten getragen hatten, sowie Fotografien, Schmuck, Taschen, usw. Manches ist erstaunlich gut erhalten, aber vieles sieht ziemlich ramponiert aus.
Wir entdecken nichts von Jens. Wir schicken seiner Freundin Melanie den Code. Vielleicht kann sie etwas zuordnen.
Werden wir irgendwann zur Ruhe kommen? Wenigstens ein bisschen?

Den Abend verbringen wir mit der Familie in einem Restaurant, gelegen an einem großen See nahe Leipzig. Ich gebe endlich die Nachfeier zu meinem Geburtstag. Das Wetter hat sich gebessert, sodass wir im Freien sitzen. Die kleine Sassa ist bestens gelaunt, sofern sie ihren Willen durchsetzen kann, ansonsten erhebt sie Protestgeschrei. Sie lenkt unseren Kummer durch ihre Weise in hoffnungsvollere Bahnen – zumindest für den Augenblick.
Die Abendstimmung beruhigt. Wir sehen den tiefroten Sonnenball sinken. Seine Strahlen erzeugen auf der Wasseroberfläche Myriaden von blitzenden Sternchen, die lustig auf den sich kräuselnden Wellen schwimmen. Wolken malen ihre Schatten darauf.
Ob Jens, von wo aus auch immer, dasselbe Naturschauspiel beobachtet?
© Brigitte Voß

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