11.09.2015, Freitag – eine Kur steht in Aussicht

Der Anrufbeantworter blinkt. Das ist das Erste, was ich wahrnehme, als wir nach dem Kurzurlaub am Niederrhein unsere Wohnung betreten. Eine Frauenstimme teilt mit, dass wir zum heutigen Datum einen Kurplatz haben. Vorgestern kam der Anruf.
Von einem Tag zum anderen sollen wir von Leipzig auf die Nordseeinsel Föhr reisen. Wider Erwarten nehmen wir die Kurzfristigkeit mit stoischer Gelassenheit hin und greifen zum Telefonhörer. Es gibt Schlimmeres, es lässt sich alles regeln. Wir schlagen Ende September vor, denn wir haben noch einen Termin beim Amtsgericht wegen des Erbscheins. Zu unserem Erstaunen sind die Klinikplätze bis Dezember ausgebucht. Wir erklären, wie dringend wir die Kur brauchen würden, was voll zutrifft. Wir fühlen uns derart erschöpft, dass sogar vom Nichtstun die Muskeln schmerzen. Jeder Schritt ist mühsam. Ich werde das Gefühl nicht los, Betonklötze hinter mir herzuschleifen. Seit der Beerdigung geht es uns nicht besser, wie anfangs erhofft, sondern das Gegenteil ist eingetreten.
Die Psychologin meint dazu: »Trauerarbeit ist schwere körperliche Arbeit. Dieser Zustand wird lange anhalten.«
Der Kummer hat sich in all meinen Körperzellen eingenistet. Die Seele stöhnt auf und reagiert mit erneut zunehmenden Albträumen. Einer davon hat mich ins Grübeln gebracht, jedoch ohne Ergebnis:

Mein Mann und ich stehen gemeinsam mit anderen Opferangehörigen vor einem sakralen Gebäude in einer Menschenschlange und warten auf Einlass. Eine chinesische Germanwings-Betreuerin steht vor dem Eingang. Sie weist darauf hin, dass wir jeden Moment weggehen können, wenn uns die Situation zu unheimlich würde.
Mein Mann wird von den Menschenmassen abgedrängt. Ich habe Angst. Wo ist er? Bevor ich die Schwelle überschreite, warnt die Chinesin: »Wollen Sie wirklich hinein?« Ich lasse mich nicht beirren und betrete das in allen Perspektiven überdimensionale Bauwerk. Einige Menschen ziehen ihre Schuhe aus, um den geweihten Boden nicht zu beschmutzen. Niemand spricht. Es ist dunkel. Gespenstische Ruhe. Wir bilden einen Kreis und halten uns an den Händen. Auf einmal schießt Feuer in die Höhe, das parallel vor uns einen kleineren Kreis bildet. Trotz der unmittelbaren Nähe verbrennen wir nicht.
Ich kann durch die Flammen sehen, obwohl sie bis zur Decke lodern und mir teilweise die Sicht nehmen. Die Mitte ist leer, kein Altar, keine Kerze, nichts …
Die Atmosphäre knistert. Etwas Bedrohliches liegt in der Luft. Ich möchte fliehen. Mir fehlt allerdings der Mut, die heilige Zeremonie zu stören. Plötzlich tönt aus dem Zentrum der kreisförmigen Menschenkette und des Flammenrings ein markerschütternder Schrei, ein Todesschrei. Mit Entsetzen erkenne ich, dass er von Jens ist.

Ich wache schweißüberströmt auf und flüchte mit zittrigen Knien aus dem Bett.

»Schlafen ist Verdauen der Sinneseindrücke,
Träume sind die Exkremente«
[Novalis (1772-1801), deutscher Dichter]

Ich kommentiere den mysteriösen Albtraum nicht und wende mich im chronologischen Geschehen erneut dem Telefongespräch mit dem Kurheim zu:
Wir wollen einfach nur weg, weit weg und das möglichst bald. Wir lassen nicht locker. Sie stöhnt, verspricht, den Belegungsplan zu durchforsten und in einigen Stunden zurückzurufen. Sie hält Wort. Der Kurtermin wird der 19.10. sein. Das ist später als wir gedacht haben, doch müssen wir uns zufriedengeben. Immerhin planen sie für uns vier Wochen ein. Wir freuen uns.
© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s