»Rückkehr nach Le Vernet«

In unserer Angehörigengruppe wurde ich auf ein Buch von Nicolas Balique mit dem Titel »Retour au Vernet« aufmerksam gemacht. Es erschien im August 2015 in französischer Sprache (ISBN-13: 978-2356980939)16.06.06_Cover_französisch. Seit Mai 2016 ist es den deutschen Lesern zugänglich (ISBN-13: 978-3944648514). Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Annette Bleß, einer Mutter, deren Tochter Elena zu der Halterner Gruppe gehörte, die im Rahmen eines Schüleraustauschs in Spanien weilte und auf dem Rückflug nach Deutschland gemeinsam mit 148 Passagieren und den Crew-Mitgliedern ums Leben kam.
Während ich durch die Seiten blättere, um einen Überblick zu verschaffen, wird mir bestätigt, dass dieser Augenzeugenbericht keine leichte Lektüre sein wird: Jens und all die anderen sind tot, weil sie den Airbus benutzten, der in Südfrankreich abstürzte.16.06.06_Buchcover_deutsch
Das Taschenbuch beginnt mit dem bewegenden Vorwort der Übersetzerin. Darin schildert sie, wie sie den fürchterlichen Tag erlebte, an dem ihr Kind nicht zurückkehrte, sowie die Wochen danach.
Interessant ist, dass der Autor aus einer Perspektive heraus schreibt, die bisher weniger bekannt ist. Die Bewohner der französischen Bergregion kommen zu Wort. Der Journalist Balique verbrachte ein Großteil der Kindheit in dem kleinen Bergdorf Le Vernet, wohin es ihn immer wieder zieht. Die Einwohner betrachten ihn als einen der ihren, was ihn in die Lage versetzt, hautnah die Folgen des Germanwings-Absturzes auf ihr Alltagsleben zu veranschaulichen. Beim Lesen wird klar, dass die Katastrophe nicht nur uns Hinterbliebene traumatisiert, sondern ebenso die Rettungskräfte und die Einheimischen. Diejenigen, die kurz nach dem Unglück die Wucht der Zerstörung mit eigenen Augen gesehen haben, werden den Anblick vermutlich nie vergessen.
Wir erfahren, wie die Dorfbewohner die Flut der Reporter aus aller Welt bewältigen, die die 100-Seelengemeinde von einer Sekunde zur anderen überströmt. Ihr teilweise rücksichtsloses Verhalten auf der Jagd nach Interviews, Wlan-Verbindungen und Neuigkeiten empört manchen Ansässigen.
Das strikte Verbot, die Absturzstelle in einem gewissen Umkreis aufzusuchen, bringt Einschränkungen für die Bergbauern mit sich, die sie nur schwer akzeptieren können. Beispielsweise darf das Vieh nicht auf die Weide gebracht werden. Mit einer Sondergenehmigung ist das später möglich.
Der Autor ist der erste Pressevertreter, der das Absturzgebiet in den Bergen betritt, die er so gut kennt und liebt. Wir hören von seinen geschockten Gefühlen angesichts der verstreuten Splitter des zerschmetterten Airbusses, die ihn sofort an die Passagiere denken lassen. Was ist von ihren Körpern übrig geblieben? Es gelingt ihm nicht, die ihm vertraute Kamera zu bedienen, weil es ihm wie Grabschändung vorkommen würde.
Mit ehrlichen Worten beschreibt er den inneren Kampf der beiden Seelen, die in ihm wohnen. Die des Bergbewohners gewinnt über die des Journalisten die Oberhand. Die Exklusivstory tritt hinter dem Mitgefühl für die Opfer und deren Angehörigen zurück …
Ich muss das Buch weglegen, da der Tränenschleier vor den Augen ein Weiterlesen unmöglich macht. Denn intensiv hinterfragt er die wunden Punkte, die mein Herz bis in die Ohren dröhnen lässt.
Was haben die 149 Insassen des Fliegers kurz vor ihrem Tod gesehen? Was haben sie bemerkt? Wie viel haben sie von der Katastrophe mitbekommen? Haben sie sehr gelitten? Diese Fragen treiben ihn um. Daher folgt er zu Fuß der letzten Route des Flugzeuges (siehe Kapitel »56 Sekunden«). Vorher spricht er mit den Zeugen, die den Unglücksflieger vor dem Aufprall wahrgenommen hattten.
Seit dem 24. März 2015 haben sich für die Bewohner die vertrauten Berge verändert. Sehen sie die Gipfel, denken sie sofort an den Absturz.
Stehe ich vor der Stele von Le Vernet und betrachte die Bergkette, ergeht es mir ebenso. Dahinter ereignete sich das schreckliche Verbrechen, das den Tod für unser Kind und die anderen unschuldigen Menschen mit sich brachte. Trotzdem strahlt für mich die Landschaft eine Ruhe und Schönheit aus, die den Schrecken nahezu vertreibt. Ich stelle mir vor, dass die Seelen dort oben ihren Frieden gefunden haben. Früher oder später werde ich das den Einwohnern mitteilen. (Ich weiß, dass diese Gelegenheit eintreffen wird.)
Im Nu habe ich das 170-Seiten-Buch durchgelesen. Ich bin aufgewühlt. Da ich voll in das Geschehen eingetaucht bin, vergeht einige Zeit, mich im Hier und Jetzt wieder zu finden.

PS:
Ich danke der Französischlehrerin Annette Bleß für die Übersetzung ins Deutsche.

© Brigitte Voß

 

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