06.09.2015, Sonntag – der Nibelungentriathlon

Wieder einmal fahren wir an den Niederrhein, nach Xanten, um Thomas, aber auch Hans, den Vater von Melanie, beim Nibelungentriathlon anzufeuern. Wir wollen den Aufenthalt mit einem Kurzurlaub verbinden.
Seit unser Jens tot ist, nehme ich mit gewolltem Eifer als Zuschauerin an derartigen Wettkämpfen teil. Sie waren für ihn die Krönung der sportlichen Aktivitäten, die ein Großteil seiner Welt ausmachte. Obwohl ich sie als »Raubbau am Körper« bezeichnete, verwende ich jetzt diese Worte aus Gründen der Erinnerung und Tradition. Freude und Trauer begleiten mich dabei. Ich bin stolz auf die Leistungen meiner Söhne.
Wir bewohnen mit Thomas, Susi und Sassa eine Ferienwohnung in Wardt, einem Stadtteil Xantens, der in der Nähe von Rhein sowie der dortigen Nord- und Südsee liegt.
Für die Veranstaltung zwischen den beiden Seen planten Hans und Jens, eine Staffel zu bilden, wobei der Jüngere den Lauf- und Schwimmpart übernehmen und sich der Ältere für 17 km auf das Rad schwingen wollte. Niemand konnte wissen, dass sich bereits sieben Monate später schwarze Risse durch unsere Leben ziehen würden. Mit so etwas rechnet man nicht!
Glücklicherweise springen Tina und Jana vom Düsseldorfer Triathlonverein, in dem Jens trainierte, ein, sodass der 75-jährige Hans teilnehmen kann. Er ist so froh darüber.
In der Unterkunft wohnen wir in friedlicher Großfamilie zusammen. In den freien Minuten spielen wir mit der Enkelin. Sie schafft es durch ihren vereinnahmenden Kleinkinder-Charme, die zentnerschweren Gedanken für einige Momente zu erleichtern.
Wir betreten das Wettkampfgelände. Ich kann den Film der Erinnerungen nicht stoppen, der sofort durch meine Gehirnwindungen spult. Damals feuerten wir die Sportler der Familie zu Höchstleistungen an und gehörten mit den Klapperinstrumenten in den Händen und der Pfeife im Mund zu den unüberhörbaren Fans.
Der Schwiegertochter schießen die Tränen in die Augen, wohingegen Sassa unschuldig drauflos plappert und Aufmerksamkeit einfordert. So sind wir gezwungen, die Traurigkeit ein bisschen zu verdrängen.
Es ist wohl so, dass jeder Ort, an dem wir mit Jens glücklich waren und den wir nach der Katastrophe erstmals aufsuchen, aufwühlende Emotionen auslöst. Besuchen wir ihn später erneut, ist die Wucht der Schwermut besser zu ertragen.
Hans meistert mit Bravour die Strecke mit dem Rad, obwohl ihm ein kalter Wind ins Gesicht weht. Zeitweise fliehen wir vor den Schauern unter einen Baum, der uns mit einem weit ausladenden Blätterdach schützt.
Die beiden Mädchen vom Verein sind durchtrainiert. Jana ist zu Beginn der Staffel 500 m geschwommen, und Tina bildet den Abschluss mit einem Lauf von 5 km. Kurz vor der Zielmarkierung greift sie sich Hans sowie ihre Sportsfreundin aus den Reihen der Zuschauer und läuft mit ihnen durchs Ziel, in ihrer Mitte der strahlende Hans. Sein Glück ist perfekt. Wir freuen uns mit ihm.
Auch Thomas, der die olympische Distanz bewältigt (1500 m Schwimmen, 42 km Rad, 10 km Laufen), schnappt sich Sassa und flitzt mit ihr die letzten Meter. Der Moderator würdigt das spontan. Er beschreibt den Triathlon als Familienereignis. Es habe einen erheblichen Einfluss auf die Leistungen, wenn die Familie den Sportler unterstütze.
Den Abend verbringen wir mit Hans und Annemie bei Schnaps und Bier. Während Thomas, Susi und Sassa morgen Xanten verlassen, wollen wir noch einige Tage mit Melanies Eltern zusammen sein, gemeinsam an den Ufern des Rheins sowie von Nord- und Südsee spazieren und nach Venlo (Niederlande) fahren.
© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s