02.09.2015, Mittwoch – Grabschänderei

Ich fühle mich krank. Die Schwäche in den Muskeln schmerzt. Mein Körper treibt ein garstiges Spiel, er ist instabil. Daher habe ich eine Operation auf unbestimmte Zeit verschoben und renne von einem Arzt zum anderen.
Der Darm krampft, Lippen, Zunge sowie Gaumen brennen, ominöse Blasen stechen durch die Haut und der Blutdruck schießt trotz Medikamente extrem in die Höhe, um daraufhin in der Tiefe zu versinken.
Die Mediziner bedrängen mich mit Fragen und Äußerungen, sodass ich erkläre, was passiert ist. Verständlicherweise reagieren sie geschockt. Einige erkundigen sich nach Wünschen. Da ich Pillen, Tropfen und dergleichen verabscheue, können sie kaum Gutes verrichten. Stets suchen sie das Gespräch, das oft von meinem Schluchzen erstickt wird. Ich werde wie ein rohes Ei behandelt, gründlich untersucht und an Fachärzte überwiesen. Leider kann niemand helfen. Die Psyche ist angegriffen.
Umso mehr freuen wir uns, dass wir eine Kur auf der Nordseeinsel Föhr genehmigt bekommen haben. Das Amt für Opferentschädigung hat die Kur organisiert, was für uns eine Erleichterung gewesen ist. Das Ausfüllen endloser Formulare würde uns belasten.
Dass wir als Gewaltopfer gelten, hat mich zunächst erstaunt, denn das eigentliche Verbrechen mussten all die Lieben im Flugzeug erleiden. Aber der tückische Verlust wirkt zerstörerisch auf unsere Seelen, die mit der ihnen angetanen Gewalt leben müssen. Die Folgen, die sich für die Hinterbliebenen ergeben, werden unter bestimmten Bedingungen durch das Opferentschädigungsgesetz geregelt. Ziel ist, die physische und psychische Gesundheit der Betroffenen so weit wie möglich wiederherzustellen, damit sie in Beruf und Gesellschaft zurückkehren können …

Mehrfach in der Woche besuchen wir Jens auf Leipzigs größtem Friedhof. Die Anlage zählt zu den schönsten Deutschlands. Ich laufe gern unter den alten, stämmigen Bäumen entlang, bleibe vor den Grabsteinen stehen und hänge den Gedanken nach. Bedeutsame Persönlichkeiten der Stadt haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden.
In einer besseren Zeitrechnung begannen Freunde und wir den Neujahrstag mit einem Spaziergang über den Friedhof. Es war unwichtig, ob der Alkohol uns mit Kopfschmerzen plagte oder ob draußen die Kälte klirrte. Sie wohnten in Friedhofsnähe, wir waren unbeschwert und hatten noch keine Verluste zu beklagen.
Spazieren wir jetzt an diesem Ort, begleitet uns eine Schwermut, die wir nicht abwerfen können. Auch einer der Freunde liegt hier begraben.
So ändern sich die Zeiten.
Schauen wir bei Jens vorbei, bringen wir seine Lieblingsschokolade mit. Manch einem mag das lächerlich vorkommen, doch für uns ist es eine Art Kommunikation mit ihm. Die Süßigkeiten legen wir stets an einen ausersehenen Platz am Grabstein, der dicht von Pflanzen umwachsen ist, die sie verdecken. Somit sind sie für die Besucher unsichtbar, selbst wenn sie unmittelbar vor dem Grab stehen.
Bereits das letzte Mal war ein Teil davon verschwunden. Mein Mann dachte an Diebstahl und grämte sich, während ich irgendwelche Tiere verdächtigte.
Er versteckte einen neuen Riegel und legte sogar eine Grabvase davor. Niemand konnte ihn sehen.
Und jetzt liegt diese Vase einige Meter entfernt und die Schokolade ist nirgendwo zu finden. Diejenige, die Susi mit Klebestreifen auf den Grabstein befestigt hatte, hängt herunter. Jemand hatte versucht, sie abzureißen und es, aus welchen Gründen auch immer, nicht geschafft.
Wir sind empört, verletzt, fassungslos: »Wer macht so was? Sollen sie doch die Toten in Ruhe lassen!«
Tiere tragen keine Schuld, bin ich nunmehr überzeugt, weil entsprechende Spuren fehlen. Mein Mann ist zutiefst getroffen. Ich wünsche den Dieben alles erdenklich Schlechte.
Allerdings schleicht sich eine Fantasie in unsere Köpfe, um sich in deren Windungen im Handumdrehen festzusetzen: »Jens hat die Schoki verspeist.« Wir lachen bei dem Gedanken, aber er gefällt uns, fast glauben wir an ihn.
Werden wir noch total verrückt?
© Brigitte Voß

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