29.08.2015, Sonnabend – Knappenman

Wir stehen beizeiten auf, um pünktlich in Lohsa (bei Hoyerswerda) anzukommen. Eine Fahrt von rund 200 km steht uns bevor.
Thomas nimmt am Knappenman-Triathlon teil, und so wollen wir ihm beistehen und anfeuern. Er und seine Familie sind bereits gestern abgereist.
Der Veranstaltungsort liegt im Lausitzer Seenland, das durch die Flutung stillgelegter Braunkohlentagebaue geschaffen wurde.
Susi und die Enkelin erwarten uns in ihrer Unterkunft, die sich in der Nähe des Wettkampfortes befindet. Der Papa ist längst dort.
Wir beeilen uns. Doch mit einem Kleinkind, das intensiv trainiert, den eigenen Kopf durchsetzen, verpassen wir leider den Start.
Endlich erreichen wir den Sandstrand des Dreiweibenener Sees. Wir bauen die Strandmuschel auf. Die Kraulschläge der Triathleten, die das Wasser peitschen, rücken heran. 1,9 km liegen hinter ihnen.
Wir reihen uns in die Zuschauer ein und strengen die Augen an, um unter den wogenden gelben Badekappen, Thomas zu entdecken. Er ist nur wenige Meter vom Ufer entfernt, als er sich von der waagerechten Lage in die senkrechte hievt. Die Erdanziehung wiegt schwer. Die Füße wühlen sich durch den Sand, während er den Reißverschluss des Neoprenanzuges, der seinem Bruder gehörte, öffnet. Jens ist überall dabei, ob in Gedanken oder anderen Variationen.
Thomas fegt vorbei. Er lächelt, als er unsere lautstarken, ermutigenden Rufe hört, und verschwindet in der Wechselzone. Das Radrennen beginnt. Er muss dreimal um den See fahren. Das sind 90 km. Wir schätzen die Zeit, die er für eine Umrundung benötigen würde, und halten uns am Strand auf. Ich schwimme im glasklaren Wasser und baue mit Sassa eine Sandburg.
Zum geschätzten Zeitpunkt warten wir am Streckenrand. Die Stimmung ist prächtig, nur bei mir hat sie einen Tiefpunkt erlangt. Nie wieder wird Jens sich an solch einem Flair berauschen können. Warum nur musste er in die Fänge eines Kamikaze-Piloten geraten!? Es ist endgültig, absolut. Plötzlich schießen die Tränen hervor, ich kann sie nicht verhindern. Diese spontane Heulerei ist peinlich und passiert neuerdings öfters, sogar in Situationen, die nicht unmittelbar mit Jens zusammenhängen. Es braucht nur eine eindrucksvolle Natur oder ein angenehmes Erlebnis – und die Schwermut umklammert mich. Die Psychologin meint dazu, ich sei niemandem eine Rechenschaft schuldig. Verstohlen wische ich die Nässe vom Gesicht, da wir Thomas in der Ferne erkennen. Ich gebe mir Mühe, lächele und rufe: »Klasse, Thomas! Weiter so.«
Auch Sassa freut sich, weil er sie anlacht. Allerdings protestiert sie, da er nicht anhält, um mit ihr zu spielen. Nach der folgenden Runde reagiert sie ähnlich, denn der Papa verschwindet wiederholt.
Endlich hat er die Strecke gemeistert. Im Eiltempo stellt er sein Rad in die Wechselzone. Während er an uns vorbeiläuft, schlagen wir mit den Händen ab.
Sassa staunt erneut, warum ihr Papa wegläuft.
Wir genießen am Strand die Sonne. Bald müsste er die erste Umrundung des Sees geschafft haben. Zur geschätzten Zeit stehen wir am Rand der Laufstrecke. Die Musik, obwohl einige Dezibel zu laut, versucht vergebens, die Anfeuerungsrufe der Zuschauer zu übertönen. Begeisterung liegt in der Luft. Susi hat die Eingebung, den Moderator zu bitten, Thomas eine Mitteilung zukommen zu lassen. Wir finden die Idee gut, und der nette Sprecher nickt zum Einverständnis.
In der Ferne taucht er auf, freut sich über die anfeuernden Rufe und ist schon wieder vorbei. Da erklingt weithin hörbar unsere Botschaft aus den Lautsprechern: »Die letzte Runde ist für Jens!«
Thomas reißt zum Zeichen, dass er verstanden hat, seinen Arm hoch.
Ich lache und weine gleichzeitig.
Das Ende der zweiten Runde naht. Wir erwarten ihn nach 20 km am Zieleinlauf, wo uns ein Baum vor der Sonne schützt.
Wir reden mit Sassa. Sie weiß, dass der Papa mit ihr durchs Ziel rennen möchte.
Da kommt er und lacht trotz dieser Schinderei. Sie flitzt zu ihm, streckt ihm das Händchen entgegen und legt sich mit ihren kleinen Beinchen ins Zeug. Beide durchlaufen freudestrahlend das Ziel.
Während wir ihn beglückwünschen, sagt Thomas: »Ich musste immer an Jens denken. Das war traurig, aber auch irgendwie schön.«
© Brigitte Voß

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