14.08.2015, Freitag – Trauerfeier in Düsseldorf

Wenn wir in Düsseldorf sind und ich gefragt werde, was wir unternehmen könnten, äußere ich stets zwei Wünsche. Der erste lautet: »Ich möchte gern den Rhein begrüßen.« Und so spazieren wir an dessen Ufer auf der Altstadtseite entlang. Die Luft umschmeichelt uns mit ihrer schwülen Hitze. Doch in der Heimat, im fernen Leipzig, ist es wärmer.
Die zweite Bitte, nämlich von den zahlreichen Altbiersorten zu trinken, wurde bereits gestern erfüllt. In Sachsen ist das Obergärige schwer erhältlich.
Ich mag den Rhein mit seiner Lieblichkeit und Kraft, die er entfalten kann, um den Menschen ihre Fehler und Schwächen vorzuführen.
Wir sitzen auf einer Bank. Die Lastkähne ziehen vorbei, schlagen Wellen und lassen ihre Fahnen, die die Herkunftsländer anzeigen, im Wind flattern. Oft haben wir mit Jens auf der Rheinpromenade die Sicht auf den Fernsehturm, auf die Brücken, die den Strom überspannen, sowie die Silhouette der Altstadt genossen. Das ist unwiederbringlich dahin.
Für heute Abend hat Melanie eine Trauerfeier organisiert, um jenen Rheinländern, die nicht zur Beerdigung nach Leipzig kommen konnten, die Möglichkeit zu geben, sich von Jens zu verabschieden.
Die Straßen, die zu dem kleinen italienischen Restaurant führen, das für die heutige Veranstaltung ausgewählt wurde, sind wir oft gefahren. Viele lachende Stunden haben wir dort mit unserem Sohn, seiner Freundin, manchmal auch mit deren Freunden, verbracht. Patrizio und Nicola, die in der Gaststätte arbeiten, haben uns oft mit ihrem sonnigen Gemüt in beste Laune versetzt. Die lustige Art der beiden Italiener ergänzte sich lückenlos mit der Schlagfertigkeit von Jens. Dem humoristischen Wortwechsel zu lauschen, war ein Vergnügen erster Klasse.
Sie stehen vor dem Eingang, um uns zu begrüßen. Das Lachen aus ihren Augen ist verschwunden. Sie sind zutiefst betroffen und umarmen uns schweigend.
Wir nehmen im Außenbereich Platz, um in der milden Luft die Gäste zu erwarten. Melanie hatte gebeten, dass wir uns farbenfreudig kleiden, denn Jens mochte es bunt. Sofort waren wir mit dieser Idee einverstanden. Die Trauer trägt man in der Seele. Wozu ist es gut, sie zusätzlich über die Farbe Schwarz zu verdeutlichen (zumindest im westlichen Kulturkreis)? Sie verbannt jegliches Licht, steht für das Dunkle, Bedrohliche und erdrückt den Trauernden, zieht ihn noch mehr herab. Hilft ihm das?
Die Kollegen, meist Japaner, sowie Mitglieder des Triathlonvereins, dem unser Sohn mit Begeisterung angehörte, treffen ein. Einige kennen wir bereits.
Frau Klose, die Trauerrednerin und Mutter einer Freundin von Jens und Melanie, moderiert durch den Abend. Sie verwebt in ihrer Ansprache die Informationen, die sie von uns und den Freunden im Vorfeld gesammelt hatte, in eine erstklassige Rede, die seine Lebensetappen auferstehen lassen – leider nur in der Vorstellung. Wie gern würde ich das Rad der Zeit zurückdrehen.
Herr Winter, der einzige Deutsche der im Raum sitzenden Mitarbeiter, lobt ihn als einmaligen Kollegen, der eine tiefe Lücke hinterlasse und schwer zu ersetzen sei. Er betont seine Seelenruhe, mit der er gereizte Kunden beruhigen oder kritische Situationen mit trockenen Bemerkungen entschärfen konnte, wie zum Beispiel: »Franzosen und Probleme lösen – ist schon ein Widerspruch in sich.«
Franzosen?? Ich verstehe zunächst nicht. Es stellt sich heraus, dass Herr Winter in Anwesenheit der Japaner deren Nationalität durch die der Franzosen ersetzt hat, um sie nicht zu kompromittieren. Es stimmt, Jens hatte unter der indirekten und zurückhaltenden japanischen Art in der Geschäftswelt oft gestöhnt, versuchte jedoch mit kommunikativer Taktik, Ergebnisse zu erzielen.
Herr Winter hebt noch seine positive Einstellung, die die Mitarbeiter motivierte, und die Verlässlichkeit hervor. Er endet mit den Worten: »Jens hat viel Licht in die Welt gebracht.«
Olli und Andrea vom Triathlonverein erheben sich. Sie sprechen im Wechsel und halten einen emotionalen Vortrag, der mir die Tränen in die Augen treibt. Dazu läuft im Hintergrund eine Diashow mit Fotos von Jens, die ihre Ausführungen untermalen. Sie schildern ihn als rücksichts- sowie verständnisvollen Sportler, erzählen von ihren lustigen Erlebnissen mit ihm während der Wettkämpfe und den Trainingseinheiten. Sein Tod habe eine klaffende Lücke in ihre Herzen gerissen.
Drei Ansprachen, drei unterschiedliche Sichtweisen, unterlegt mit Beispielen aus dem vergangenen Leben, decken sich, haben einen roten Faden, nämlich die lebensfrohe, mitreißende und humorvolle Art von Jens.
Meine Gedanken schweifen ab. Die Unwahrscheinlichkeit, die unserem Kind zugestoßen ist, ist schon an sich unwahrscheinlich. Wie viele Menschen steigen in ein Flugzeug, um von A nach B zu gelangen? Wie viele davon stürzen ab? Und wie viele davon werden durch eine mörderische Hand am Steuerknüppel umgebracht? Wie viel Prozent der Weltbevölkerung sind das? Und darunter war Jens, diese Frohnatur???
Ich weiß, es ist müßig, darüber nachzudenken. Jedoch lasse ich das Argument der Unwahrscheinlichkeit, in welcher Beziehung auch immer, zukünftig nie mehr gelten.
Das Essen wird serviert. Patrizio und Nicola legen sich ins Zeug, kochen, gleichzeitig bedienen sie uns und achten darauf, dass wir ausreichend zu trinken haben. Patrizio bereitet die Pizzen zu und Nicola die Nudeln.
Die Späßchen, die die Italiener mit den Gästen treiben, sind dem Anlass angepasst und trotz der Traurigkeit bringen sie uns zum Lachen. Wie sie das anstellen, bleibt ein Rätsel. Wenn wir über die Katastrophe reden, halten sie sich im Hintergrund.
Weit nach Mitternacht verlassen wir die Gaststätte.
Morgen hat Jens Geburtstag. Es wird das erste Mal ohne ihn sein.
© Brigitte Voß

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Ein Gedanke zu “14.08.2015, Freitag – Trauerfeier in Düsseldorf”

  1. Ja, eines hat uns der 24. März 2015 gelehrt …… unmöglich gibt es nicht. Danke für Deine Schilderung, Gitti. Einmal mehr sitze ich hier mit Tränen in den Augen. RiP Ihr alle ….

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