09.08.2015, Sonntag – Erholung in der Natur mit traurigem Ausklang

Die Hitze treibt mich ins Wasser. Bereits die wenigen Schritte vom Wohnwagen bis zum See treiben mir die Schweißperlen auf die Stirn. Die Anzeige des Thermometers wird noch höher steigen, da der Wetterbericht für die kommenden Tage bis zu 40 Grad voraussagt. Wer soll das aushalten? Die Bäume des Waldes spenden zwar Schatten, doch flimmert die Luft, versagt auch er.
Wir stürzen in das Nass. Ich schwimme dicht neben meinem Mann, um Beklemmungen zu vermeiden, die ich seit Jahren erleide, wenn ich allein inmitten eines Sees bin. Sie äußern sich in einer unbestimmten Angst, das Bewusstsein zu verlieren und zu ertrinken. Die daraufhin einsetzende Atemnot verschlimmert den Zustand. Das ist befremdlich, da ich eine gute Schwimmerin bin.
Allerdings möchte ich gern das eigene Tempo halten, sodass ich mich geringfügig von ihm entferne und versuche, normal zu atmen. Und plötzlich ist sie da, die Vorstellung, dass Jens vor mir krault. Er dreht sich um und lacht mir zu. Ich lächle zurück. Das Angstgefühl ist verschwunden. Mich durchdringen eine Kraft und Freude, wie ich sie seit Langem vermisse. Er ist in mir, in den Muskeln und den Gefühlen. Ich habe Spaß und genieße das Wasser, das an meiner Haut vorbei strömt, während sich die Strecke zwischen meinem Mann und mir rasch vergrößert. Ich erreiche das gegenüberliegende Ufer.
Gut gelaunt sitze ich im Campingstuhl und greife nach dem E-Book-Reader. Die Gewohnheit regt an, da ich es mag, in der Natur zu lesen. Kaum habe ich das Gerät angestellt, zeigt es, dass ich das letzte Mal vier Tage vor dem Tod von Jens darin geschmökert hatte. Mit dieser Information kostet es Überwindung, das damals begonnene Buch fortzusetzen. In Zeitungen und Zeitschriften blättere ich hin und wieder herum, obwohl mich seit dem Flugzeugabsturz die Konzentration im Stich lässt. Aus unerfindlichen Gründen lehne ich es ab, in fremde Fantasien einzutauchen. Um so mehr staune ich jetzt, dass es funktioniert, einige Seiten zu lesen.
Ich öffne den Laptop und fluche, wie so oft, über den fürchterlichen Internetempfang in der herrlichen Umgebung. Schließlich schafft es der Computer doch, die Emails zu laden. Unser Rechtsanwalt teilt mit, dass er und sein Team oft Mitteilungen von Verschwörungstheoretikern bekämen, um ihre absurden Ideen zu vertreten, nur um sich angesichts der Katastrophe wichtig zu machen. Manche kenne er aus früheren Fällen. Er fordert uns auf, ihm zu melden, wenn sie uns mit unsäglichen Behauptungen bedrängen, wie es schon geschehen sei.
Ich schließe den Deckel und bin verärgert, weil meine gute Stimmung gestört ist. Ich sollte das Internet wenigstens hier, im Wald, meiden.
Ich starre in den Himmel, der von den Zweigen der Birken und Kiefern teilweise verdeckt ist. Kein Lüftchen bringt sie zum Schwingen, keine Wolke gibt dem Azurblau einen zusätzlichen Farbtupfer. Das lustige Zwitschern der Vögel ist verstummt. Alles leidet unter der Hitze.
Der zehntägige Aufenthalt auf dem Zeltplatz neigt sich dem Ende zu. Leider fahren wir am Abend nach Hause. Wir ängstigen uns davor, haben wir doch eine Mitteilung erhalten, dass die wenigen Dinge von Jens, die die Rettungskräfte am Unglücksort bergen konnten, per Kurier unterwegs sind. Sie müssten bereits angekommen sein. Obwohl wir sie zurückhaben wollen, fürchten wir den schmerzvollen Moment.
Das Tagesende naht schneller als gewünscht, wir räumen auf und düsen mit dem Auto auf der Bundesstraße zurück in die Großstadt.
Ich wickele das kleine Paket aus, das beim Nachbarn abgegeben wurde. Der Puls trommelt gegen die Ohren. Fassungslos stehen wir vor den durchsichtigen Plastiktüten, die die einzelnen Gegenstände enthalten. Hatte Jens sie im Handgepäck? Oder in der Hosentasche? Behutsam öffnen wir sie. Die Geldbörse ist schwarz und am Zerbröckeln.15.09.04_zurückgekommene Sachen193437
Dem Fetzen entströmt ein unangenehm brenzliger Geruch.  Vorsichtig platzieren wir sie auf dem Tisch. 15.09.08_zurückgekommene Sachen193341 Die Geldkarten sind beschädigt, der Personalausweis leicht zerknittert, am besten ist noch die Chipkarte der Krankenkasse erhalten.  Auf allen sind die Angaben, wie Name und Kennungsnummern, erstaunlich gut erkennbar, so auch sein Foto.

15.09.04_zurückgekommene Sachen194251Unablässig streichle ich die Sachen, nehme sie in die Hand und lege sie wieder zurück. Der Klumpen im Magen wird härter, die Augen bleiben tränenlos.
Wir setzen uns auf den Balkon. Es ist ein heißer Sommerabend. Wir schweigen.
© Brigitte Voß

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