26.07.2015, Sonntag – der Triathlon

Thomas nimmt am Leipziger LVB-Triathlon (olympische Disziplin) teil.
Zunächst hatte ich beschlossen, zuhause zu bleiben, weil ich mich kraftlos fühle und ein starkes Bedürfnis nach Ruhe verspüre. Ich änderte die Meinung. Es wird das erste Mal ohne den Bruder sein. Daher möchte ich ihn gemeinsam mit der Familie unterstützen.
Ehe wir uns auf den Weg machen, um ihn als Fan anzufeuern, informiert er uns, dass Jens ebenfalls auf der Teilnehmerliste steht. Zweifellos hatte er sich kurz vor dem Absturz eingeschrieben und keine Gelegenheit mehr gehabt, ihn davon zu unterrichten. Wir sind betroffen. Erneut wühlt sich die Traurigkeit von der Magengegend kommend nach oben und bleibt wie ein verkanteter Klotz im Hals stecken.
Thomas wird sich die Startnummer seines Bruders geben lassen.
Wir holen mit dem Auto Susi und die Enkelin ab.
Als wir am Veranstaltungsort ankommen, können wir ihn nirgendwo entdecken, weder auf der Strecke, der Lauf hatte bereits begonnen, noch anderswo.
Mit mentaler Kraft verscheuche ich den aufkommenden Gedanken: ›Ihm ist etwas passiert.‹ Was, wenn er mit dem Rennrad gestürzt ist? Einen Kreislaufkollaps erlitten hat? Die Fantasie erzeugt Schreckensbilder. Ich muss mich zusammenreißen!
Die Angst um den jüngeren Sohn, ihm könnte Unheil zustoßen, nimmt langsam übertriebene Ausmaße an. Werden die Wörter »Dienstreise« und »Flugzeug« in einem Atemzug genannt, verursacht es in mir unbehagliche Gefühle. Nutzt er gar für Geschäftsreisen solch ein Transportmittel, bin ich voller Sorge, obwohl ich weiß, es kann überall und zu jeder Sekunde ein Unglück geschehen.
Wir stehen an der Rennstrecke, die entlang des Kulkwitzer Sees führt, und starren in die Richtung, aus der die Läufer kommen. Wo sonst sollte er sein.
»Ist das Thomas?« Wir kneifen die Augen zusammen, um besser sehen zu können. »Welche Farbe hat die Kopfbedeckung?« »Was für ein Trikot trägt er?« Das sind stets Fragen, die vorher geklärt werden, denn es ist nicht immer einfach, aus der Entfernung den Betreffenden zu erkennen.
»Er ist es«, stellen wir übereinstimmend fest.
Wir jubeln ihm zu. Die Enkelin schaut mit staunendem Blick in die Runde. Ihr Papa flitzt heran. Er stoppt abrupt, als er uns erkennt.
»Gib mal deine Socken her!«, ruft er der Schwiegertochter zu.
Sie erfasst sofort die Situation, zerrt ihre von den Füßen, während er im Eiltempo die Laufschuhe herunter reißt, die aufgeplatzte, blutig verschmierte Blasen freilegen.
»Autsch«, entfährt es mir.
Er streift sich Susis Strümpfe über und trabt davon.
Insgesamt muss er für die olympische Disziplin 10 km laufen, nachdem er bereits 1,5 km geschwommen und 40 km mit dem Rad gefahren ist.
Wir schlendern zum Zieleinlauf. Die Musik beschallt die Menschen, die die Sportler mit Begeisterung anfeuern. Tuten dröhnen, Plastikhände klappern knallend aufeinander, Rufe, wie »Du schaffst das!«, »Bravooo!« »Weiter so«, usw. gellen durch die Luft. Anfeuerndes Klatschen ist allgegenwärtig. Die Stimmung ist bombastisch. Das liebte Jens. Er genoss den Kick der sportlichen Leistung, forderte seinen Körper heraus, einen Körper, der nicht mehr existiert.
Die Sonne scheint, mir wird kalt. Jens ist tot, der Triathlon lebt weiter – auch ohne ihn. Die Wehmut haftet wie dicker Sirup an mir. Will ich sie entfernen, halten klebrige Fäden sie fest. Ich neige den Kopf nach vorn, damit die halblangen Haare meine Tränen verdecken. Doch rasch wische ich sie ab, weil wir Thomas heranstürmen sehen. Die letzten Meter liegen vor ihm. Wir feuern ihn enthusiastisch an. Er kommt kurz zum Stehen, die Anstrengung ist ihm ins Gesicht gezeichnet. Susi reicht ihm die zweijährige Enkelin. Freudestrahlend läuft er mit ihr durch das Ziel. Die Zuschauer, die das beobachten, rufen gerührt »Bravo« oder »Ach wie süß!«
Sie haben keine Ahnung, dass es für den jungen Vater ein besonderer Wettkampf ist, der erste ohne Jens. Trauer und Erinnerungen an die gemeinsame Begeisterung haben ihn im Wasser, auf dem Rad und während des Laufens begleitet, obwohl der Name seines Bruders in der Teilnehmerliste steht.

16.03.14_Startnummer
Die Startnummer von Jens.

© Brigitte Voß

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