25.07.2015, Sonnabend – Beerdigung in Le Vernet (4)

Der Tag der Abreise ist angebrochen. Wir genießen ein letztes Mal den Pool. Trotz der frühen Stunde tummeln sich bereits einige Hotelgäste darin. Das Schwimmen am Morgen aktiviert.
Wir bedienen uns vom reichhaltigen Frühstücksbuffet, packen die Sachen in die Reisetasche und verschwinden in die bereitgestellten Busse, die uns zum Flugplatz bringen.
Nach dem Einchecken haben wir Zeit, die Presse zu studieren, und ich erfahre, dass das anonyme Sammelgrab von Le Vernet ungefähr 3000 Leichenteile beherbergt, die nicht identifiziert werden konnten. Insgesamt sollen die Rettungskräfte 6000 menschliche Reste der Toten geborgen haben.
Schließlich sitzen wir in der Maschine Richtung München. Mein Mann, der einst unter panischer Flugangst litt, hat diese seit dem unheilvollen Tag verloren, wohingegen es Opferangehörigen gibt, die nie wieder ein Flugzeug betreten können.
Der Landeanflug setzt ein. Ich beobachte mit Entsetzen, wie die Beklemmung den Brustkorb einengt. Ich kenne das bereits. Sinkflüge gehen mit unbehaglichen Gefühlen einher, die zuweilen verrückt spielen. Das äußert sich in schwerer Atmung durch Luftknappheit, in einem Rasen des Pulses, der so laut in den Ohren dröhnt und rauscht, dass sie schmerzen, sowie das Empfinden einer nahenden Ohnmacht. Der Film, wie es wohl Jens ergangen sein mag, als die Felsen näher rückten, rattert durch die Gehirnwindungen. Ich bin unfähig, ihn zu stoppen, ihn zu vernichten. Fantasie kann quälen.
Der Startvorgang und das »Während-des-Fluges-aus-dem-Fensterschauen« bereiten mir nach wie vor keine Schwierigkeiten. Jedoch die Landung ist neuerdings belastend, glücklicherweise nicht immer.
Endlich berührt die Maschine den Boden. Schlagartig geht es mir besser. Wir steigen aus.
Eine Lufthansa-Uniformierte eilt auf uns zu und plötzlich umhüllen schwarze lange Haare meine Schulter. Christa! Es ist Christa, die uns beim ersten Aufenthalt in Le Vernet so gut betreut hat.
»Grias God«, begrüßt sie uns und umarmt mich. »I hoff ihr habts a guete Reise ghabt!“
Wir haben sie gern und freuen uns, sie vor uns zu sehen. Gemeinsam gehen wir in die Lounge, wo wir uns viel zu erzählen haben. Sie gehört zu den SAT-Helfern, die die Fluggesellschaft ausbildet, damit sie in Unglücksfällen persönliche Hilfe leisten können. Neben der regulären Arbeit als Bodenpersonal betreuen sie freiwillig Passagiere und Angehörige.
Christa hat von einem Mitarbeiter erfahren, dass wir in München zwischenlanden und daher extra auf uns gewartet.
Der Kollege gesellt sich zu uns. Er weiß interessante Dinge zu berichten, wie zum Beispiel über die Befestigung der Piste zur Unglücksstelle. Dadurch können die Opferangehörigen zur Absturzstelle gelangen, die ab September freigegeben werden soll. Noch ist sie mit Öl und Kerosin verschmutzt und muss gesäubert werden. Die Reinigung wird in den kommenden Wochen beginnen und im Herbst abgeschlossen sein.
Er erzählt, dass die Pathologen Tag und Nacht die Leichenteile in Frankreich identifiziert hätten. Auch erhalte ich endlich eine schlüssige Antwort auf meine Frage, wieso nicht alle Überreste zugeordnet werden konnten: Die Insassen seien durch die Wucht des Aufpralls derart ineinander gepresst worden, dass der dabei entstandene Mix von DNA eine Zuordnung unmöglich machte. Von diesen Resten ließe sich nicht mehr feststellen, zu welchen Passagieren sie gehörten.
Ich schlucke, die Aussage verdeutlicht die nackte Brutalität des scheußlichen Verbrechens.
Ich beneide die Menschen aus dem normalen Leben, die ihre Verstorbenen mit vollständigem Körper in einem Sarg wissen, und nicht auf einem Dokument lesen müssen, was für Körperteile oder Hautgewebe er beherbergt …
Der sympathische und wissende Angestellte berichtet von einem aufdringlichen Journalisten, der trotz Verbotes mit allen Mitteln in das Gebiet der Katastrophe gelangen wollte. Er habe sich als verirrter Wanderer ausgegeben, sei allerdings durch seine professionelle Kameraausrüstung aufgefallen. Französische Sicherheitskräfte hätten ihn sofort auf den Boden gedrückt.
Es ist spät, beide verabschieden sich.
Mit den Betreuern des SAT-Teams, die uns nach Südfrankreich begleiteten, vor Ort organisierten, jederzeit für uns da waren (auch zur Trauerfeier in Köln), sind wir bisher hochzufrieden. Lufthansa ist eben nicht gleich Lufthansa.

© Brigitte Voß

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s