24.07.2015, Freitag – Beerdigung in Le Vernet (2)

♦ VIER MONATE NACH DER KATASTROPHE ♦
Bevor wir frühstücken, schwimmen wir einige Runden im Pool, der nahezu unbevölkert ist. Die meisten Gäste schlafen noch. Die warme Nacht hat es geschafft, das Wasser etwas abzukühlen, sodass es erfrischte. Der Himmel zeigt kaum Wolken und verkündet einen sonnigen Tag. Hoffentlich regnet es zur Zeremonie in den Bergen nicht. Ich genoss es, durch das Nass zu gleiten, wenngleich es wider Erwarten anstrengt. Seit dem Tod von Jens fehlt jegliche Energie, selbst für sportliche Aktivitäten.
Wieder im Hotelzimmer verfolgen wir auf dem Smartphone das vorgestern mit uns geführte Interview im ZDF-Morgenmagazin. Es berührt merkwürdig, sich als Akteure im Fernsehen zu beobachten.
Die verheerende Katastrophe in den südfranzösischen Alpen erweckt durch die grausamen Umstände um so mehr die Aufmerksamkeit der Medien. Sie stillen das Interesse der Öffentlichkeit, können Ursachen auf den Grund gehen, aber auch zutiefst verletzend sein, wie im Falle eines deutschen Hinterbliebenen geschehen. Er wurde ungefragt in einer Situation der absoluten Verstörung mit schmerzverzerrtem Gesicht fotografiert. Daher beruhigt uns die Versicherung der Organisatoren, dass wir streng vor den Reportern abgeschirmt werden.
Für 10:00 Uhr ist die Abfahrt der Busse nach Le Vernet geplant, doch müssen wir noch eine Stunde ausharren, da das Flugzeug aus Spanien verspätet ankommt. Die Angehörigen sollen im Konvoi transportiert werden. Endlich geht es los. Am Flugplatz von Marseille stoßen wir auf die Neuankömmlinge, darunter Melanie, die mit der eingesetzten Sondermaschine direkt aus Düsseldorf eingetroffen sind.
Insgesamt sitzen rund 300 Trauergäste verschiedener Nationen in sieben Bussen, die von einer Polizeieskorte mit Blaulicht geleitet werden. Sie gewährleistet ein ungehindertes Durchkommen durch den Verkehr.
Die Sonne prasselt herab. Die Klimaanlage umwirbelt uns mit angenehm kühler Luft. Je näher wir den hohen Gipfeln kommen, desto weniger wird gesprochen. Zunehmend bedrohen dunkle Gewitterwolken die vorbeihuschenden Landschaften und künden turbulentes Wetter an.
Mit Bangen sehen wir der zweiten Grabesstätte entgegen.
Gegen 14:15 Uhr erreichen wir im strömenden Regen Le Vernet. Der Bus reiht sich in die Schlange der bereits eingeparkten Fahrzeuge ein. Wir steigen aus. Die französischen Ordnungskräfte drücken uns Regenplanen oder Schirme in die Hände. Dankbar nehmen wir sie an, denn mit solch einem Wetterumschwung hatte im sonnigen Marseille niemand gerechnet. Wir werden in eines der geräumigen, weißen Zelte geleitet, die auf der Wiese errichtet worden sind. Hier können wir uns innerlich sammeln. Ein Buffet lädt mit Getränken und Snacks ein. Melanie, die in einem der vorderen Busse saß, hat für uns einen Tisch freigehalten.
Die Zeremonie soll mit einer Blumenniederlegung durch die Präfektin des Départements Alpes-de-haute Provence und diplomatischen Vertretern 15:00 Uhr beginnen, sodass wir uns auf dem Weg machen. Der Starkregen weht von allen Seiten auf uns ein. Wir stehen hinter den voll besetzten Stuhlreihen unter einer riesigen Zeltplane. Unmengen Wasser prasseln bedrohlich auf sie herab. Bedenkliche Blicke schweifen nach oben. Wird sie den Lasten widerstehen? Grelle Blitze zischen auf die Erde hernieder, gefolgt von einem weithin schallenden Donnerkrachen. Melden sich die verstorbenen Opfer zu Wort? Ist es die Wut unserer Lieben über das ihnen und uns zugefügte Unrecht, über die ungewollte Trennung? Der Himmel weint angesichts des schreienden Elends.
Französische Regionalpolitiker, Delegierte der deutschen Bundesregierung sowie von Germanwings legen die Blumenkränze ab. Der Lufthansa-Chef Herr Spohr bleibt wegen des offenen Briefes der Halterner Gruppe der Trauerveranstaltung fern, er wolle die Veranstaltung aufgrund der angespannten Lage nicht belasten. Seine Reaktion ist angemessen. In dieser Situation nehmen wir die Abwesenheit mit Erleichterung auf.
Geistliche verschiedener Religionen sprechen Gebete, so auch der Bischof von Digne-les-Bains.
Der Zeremonie ist beendet. Der Regen lässt nach, bis es nur noch tröpfelt.
Die Menschen drängen zum Gedenkstein, um die davor liegenden Blumengestecke sowie -kränze zu betrachten und die Aufschriften auf den zugehörigen Schleifen zu lesen.

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Immer wieder fallen die Blicke auf das Bergmassiv, das auf sie eine magische Anziehungskraft ausübt. Dahinter ist es geschehen, das unfassbar Schreckliche. Sich eng und in voller Breite aneinanderdrängend streben die Berge den Wolken zu, so als wollen sie den Ort der Katastrophe verdecken, möglichst ungeschehen machen.
Wir patschen durch die Pfützen der Wiesen, weil wir zur Kapelle möchten, wo die Einheimischen liebevoll alle Gegenstände gesammelt haben, welche die Hinterbliebenen rund um die Stele gelegt hatten.
Bereits an der Tür leuchtet uns der blaue Triathlonanzug von Jens entgegen, den Melanie und seine Sportfreunde bei einem vorhergehenden Besuch mitgebracht haben. Er liegt auf einem Tisch zusammen mit den Erinnerungsstücken der anderen Opfer. Die Tränen sind nicht mehr zu halten.
Wir gehen zurück zum Aufenthaltszelt. In gebührendem Abstand von uns entdecke ich den Stützpunkt der Reporter. Niemand belästigt uns.
© Brigitte Voß

((Fortsetzung folgt))

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