08.07.2015, Mittwoch – Befindlichkeiten

Seit der Beerdigung geht es uns wider Erwarten schlechter. Wir haben den Eindruck, in eine unendliche Tiefe zu stürzen. Körper und Seele rebellieren. Sie weigern sich zu begreifen, dass in dem Grab, vor dem wir oft stehen, unser Sohn liegt. Im Gegensatz dazu erfasst der Verstand klar und deutlich die Unwiederbringlichkeit seines Daseins, er ist tot. Die Gefühle jedoch sprechen eine andere Sprache. Ich träume davon, dass Jens aus Südfrankreich anruft und erklärt, wieso er sich nie gemeldete hat. Natürlich würde er schleunigst heimkehren.
Dieser Konflikt erschöpf, macht schlaflos und gipfelt in kuriosen Krankheiten, die die Ärzte ratlos zurücklassen. Die Psychologin versucht, mir zu helfen, und schubst mich sanft dem Leben zu. Die Gespräche strengen an, da Erinnerungen besonders plastisch auftauchen. Manchmal verlasse ich ihre Praxis in einem aufgewühlteren Zustand als vorher.
Die Fragen nach Schuld und Verantwortung nagen intensiv in mir.
Lubitz arbeitete als Copilot bei der Lufthansa-Tochter. Die Passagiere und die Crew haben sich ihm und damit Germanwings anvertraut. Sie glaubten an ein System kontrollierter Sicherheiten. Das darin Lücken klafften, befürchteten sie nicht.
Wie der französische Staatsanwalt auf der Pressekonferenz vom 11.06.2015 in Paris informierte, war Andreas Lubitz zum Zeitpunkt der Katastrophe schwer depressiv und flugunfähig. Er sei niedergeschlagen, instabil und psychisch krank gewesen. Das Verhältnis von ärztlicher Schweigepflicht und Flugsicherheit müsse geklärt werden. Wie und warum kann ein Pilot im Cockpit sein, der die Absicht hat, den Insassen zu schaden, obwohl es medizinische Standards für das Flugpersonal gebe? Innerhalb eines Monats habe Lubitz etliche Ärzte aufgesucht, darunter Augenärzte, da er Bedenken hatte zu erblinden. Er soll unter massiven Sehstörungen gelitten haben. Wieso flog er trotzdem?
Die Antworten auf die Fragen, die der Staatsanwalt aufwirft, interessieren mich brennend. Wüsste ich sie, könnte ich all die Schrecknisse besser verarbeiten, ginge es mir erträglicher.
Die von der französischen Staatsanwaltschaft eingesetzten drei Untersuchungsrichter ermitteln wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung gegen Unbekannt.
Anfangs verzieh ich Lufthansa/Germanwings, wenn etwas nicht klappte. Sogar, dass wir, als Eltern, nie einen Rückruf auf die Anfrage erhielten, ob Jens auf der Passagierliste stand. Meine feste Überzeugung war: ›Wir und Lufthansa/Germanwings haben gemeinsam Unfassbares erlebt.‹
Das hat sich innerhalb der zwei Wochen vor der Rückführung des Sarges erheblich gewandelt.
Hat die Fluggesellschaft jemals ein klitzekleines Wörtchen über Verantwortung gesprochen? Unser Sohn sowie die anderen Insassen wurden ermordet, und der Kummer über den Verlust wird uns für den Rest des Lebens begleiten.
Wir suchen nochmals die Bestatterin auf, um das Foto abzuholen, das wir für die Trauerfeier abgegeben hatten.
Fällt das Thema Lufthansa, sieht sie sofort rot. Immer noch erregt sie sich, wie das Carecenter mit uns, aber auch mit ihr umgegangen ist. Selbst sie kämpfte mit den Steinen, die uns Germanwings vor der Beerdigung entgegen warf. Sie äußert Schuldgefühle, sie habe sich ungenügend für uns eingesetzt, was wir vehement widerlegen.
Die Erinnerungen an Jens erdrücken mich, egal, wo wir sind:
Es herrschen angenehme Temperaturen, sodass wir versuchen auf unserem Dauercampingplatz im Wald, ein wenig Ruhe zu finden. Trotz Sonnenschein und Vogelgezwitscher verwirbelt der tiefe Schmerz die Seele. Hier war die Familie glücklich. Die Jungs tobten durch die Natur, wir wanderten gemeinsam, unternahmen Radtouren, spielten wie die Irren Tischtennis, usw. Er liebte den Platz sein Leben lang.
Oder: Wir laufen an einem Spielplatz vorbei. Ich freue mich, wie die Kinder lachen und toben. Plötzlich entdecke ich in ihrer Mitte Jens in frühen Jahren. Sofort schießen die Tränen in die Augen. Ich schüttele den Kopf, so als wolle ich dieses Trugbild verscheuchen, und ziehe meinen Mann schnell weg.
Es ist wie ein Wahn. Überall stelle ich einen Bezug zu ihm her.
Nachts flieht der Schlaf vor den sinnlosen Grübeleien und der zehrenden Trauer.
Wir beschließen, eine Kur zu beantragen. Einfach wegfahren, am besten sehr, sehr  weit weg, allein sein und etwas anderes sehen und hören.
© Brigitte Voß

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2 Gedanken zu “08.07.2015, Mittwoch – Befindlichkeiten”

  1. Sehr geehrte Frau Voß!
    Ich möchte Ihnen mein tiefstes Mitgefühl aussprechen. Lese alle Beiträge von Ihnen und verfolge das ganze seid dem gewissen Tag und bin immer noch fassungslos.
    Lubitz ist auch für mich ein Mörder der das geplant hatte. Er hat sein Ziel erreicht, denn er wollte ja das jeder seinen Namen kennt. Wenn er mit einem Segelflieger gegen den Berg geflogen wäre, hätte es nur wie ein Unfall ausgesehen. Und niemand hätte weiter darüber gesprochen. Jetzt ist dieser Mörder auch noch „berühmt“ und das über seinen Tod hinaus.

    Ich wünsche Ihnen ganz viel Kraft und Liebe. Eines Tages sehen wir uns alle wieder.

    Gefällt 1 Person

    1. Ich freue mich über Ihren Kommentar und die aufmunternden Wünsche. Vielen Dank.
      Dass dieser Copilot eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, ist schlimm. Allerdings werden sich die Menschen mit einem bitteren Beigeschmack an ihn erinnern. Für mich ist er die Verkörperung des Bösen.

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