03.07.2015, Freitag – Aufregungen

Es ist extrem heiß. Wir besuchen Jens auf dem Friedhof. Die Blumengestecke auf dem Grab leiden unter der Hitze, die auch uns den Schweiß aus den Poren treibt. Wir ziehen vertrocknete Pflanzen heraus und gießen. Das nächste Mal werden wir die Gestecke, Kränze und Sträuße beseitigen müssen, denn für die folgenden Tage kündigt der Wetterbericht Temperaturen um die 37 Grad an sowie Trockenheit.
Lange stehen wir vor dem Grab. Es schmerzt, den einst so fröhlichen Sohn darin zu wissen.
Beim Steinmetz suchen wir einen Grabstein aus. Die Gefühle protestieren. Warum sind wir in jene Negativschleife geraten, aus der es kein Entrinnen gibt? Das Geburtsdatum anzugeben, ist in Ordnung. Aber sein Sterbedatum? Das mussten wir noch nie.
Eine Mitteilung von Germanwings erreicht uns. Wir lesen, dass am 24. Juli in Le Vernet die menschlichen Überreste, die nicht identifizierbar seien, in einem Gemeinschaftsgrab beigesetzt werden.
Die französische Staatsanwaltschaft deutete dies bereits in der Informationsveranstaltung vom 11. Juni in Paris an.
Die konfessionsübergreifende Trauerfeier würde von der Präfektur des Departements Alpes-de-Haute-Provence veranstaltet.
Geplant sei eine Schweigeminute, gefolgt von einer Kranzniederlegung sowie einer interreligiösen Zeremonie.
Es findet eine zweite Beerdigung statt, die ein zweites Grab zur Folge hat. Mein Kopf blockiert, ich verscheuche den Gedanken. Stattdessen grübele ich, wieso nicht alle Leichenreste zugeordnet werden konnten. Auch kleinste Organismenfragmente besitzen eine DNA, und selbst von uralten Fossilien kann das Biomolekül entschlüsselt werden. Ich komme zu keinem Ergebnis.
Das Schmerzensgeld-Angebot durch Lufthansa/Germanwings erregt die Angehörigen und aktiviert die Medien. Letztere diskutieren in ausführlichen Abhandlungen die Frage, wie hoch eine derartige Summe sein sollte und untersuchen, wie das in anderen Ländern geregelt ist. Die Anwälte der Hinterbliebenen verkünden einhellig, der gebotene Betrag sei »empörend«, »völlig unangemessen«, zu »niedrig«, usw. Die deutschen Leidtragenden würden gegenüber den internationalen Geschädigten benachteiligt.
Das Telefon klingelt. Eine Mutter, die durch den Absturz ihren Sohn verloren hat, ruft an, um über das Thema zu reden. Sie ist wütend: »Wir müssen etwas dagegen tun. Ansonsten versteckt sich Lufthansa hinter einem Mörder und speist uns ab.«
Erst vor einer Woche haben wir Jens begraben. Vorher spielte uns das Carecenter Germanwings vierzehn Tage lang wegen der Überführung des Sarges übel mit. Die von ihnen geäußerten Ungereimtheiten ließen uns verzweifeln. Wir stehen noch voll unter dem Eindruck dieser Zeit. Daher sind wir bereit, uns den Medien zu stellen. Es gibt Interviewanfragen bei den Rechtsanwälten und an die Angehörigen.
Folglich interviewte uns gestern ein Journalist des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel«. Er traf mit einem Fotografen, wie vereinbart, früh beizeiten ein. Der Termin ist knapp, denn schon morgen soll die Ausgabe erscheinen.
Sie übermittelten uns ihr Beileid und sprachen teilnahmsvolle Worte der Bestürzung über das schreckliche Geschehen in den französischen Alpen.
Vor dem Interview wiesen uns darauf hin, dass wir nicht alle Fragen beantworten müssten. Es tat uns gut zu reden, obwohl es schwerfiel, die auftretenden Gefühle und überwältigende Erinnerungen zu bändigen. Wir antworteten bereitwillig, wollten den angestauten Frust loswerden.
Der Fotograf zückte seinen Apparat. Wir stellten uns nebeneinander, setzten uns auf die Couch, gingen auf den Balkon, usw.
Nach reichlich zwei Stunden verabschiedeten sie sich und ließen uns erschöpft zurück.
Gegen Abend erhielten wir eine Nachricht des Journalisten. Er bedankte sich für die freundliche Aufnahme und teilte mit, dass für die vorgesehene Ausgabe zunächst ein kleiner Ausschnitt des Gesprächs verwendet würde, um später ausführlicher über unsere Erfahrungen zu schreiben. Beigefügt war die fertiggestellte Passage mit der Bitte um Rückmeldung.
Der Text ist gut, doch leider werden die Misslichkeiten, die mit der Überführung von Jens auftraten, nicht erwähnt.

© Brigitte Voß

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