30.06.2015, Dienstag – Entschädigungen

♦ VIERZEHN WOCHEN NACH DER KATASTROPHE ♦
Wir sitzen im endlosen Gang des Amtsgerichts und hoffen, dass sich bald die Tür, auf der der Anfangsbuchstabe unseres Nachnamens steht, öffnet, und wir aufgerufen werden. Wir haben endlich die notwendigen Dokumente erhalten, um den Erbschein zu beantragen, da wir die Haupterben sind. Erst, wenn wir ihn in den Händen halten, können wir die Angelegenheiten mit der Freundin von Jens regeln.
Es bereitet Mühe, in einem Amt zu warten, weil die Gedankenwelt um andere Dinge kreist. Jens ist tot, und das ist die einzige Wahrheit.
Unerwartet rasch bittet uns die Behördendame in das Zimmer. Sie nimmt keinen Anstoß an der Sterbeurkunde, in der die Franzosen, ihrem Recht entsprechend, nur meinen Mädchennamen eingetragen hatten.
Mit Schrecken stelle ich fest, dass der Personalausweis samt den Checkkarten noch im Auto liegen muss. Die Vergesslichkeit erreicht ungeahnte Ausmaße. Die Handtasche thront für jeden sichtbar auf dem Rücksitz. Früher wäre mir das nie passiert.
Die Antwort, auf die Frage, wie lange der Vorgang dauern würde, fällt etwas schwammig aus: »Zunächst müssen wir uns beim Amtsgericht in Düsseldorf erkundigen, ob dort auch wirklich kein Testament ihres Sohnes vorliegt. Das kann sich bis September hinziehen.«
›Oje, Amt mit Amt‹, denke ich.
Wir eilen zum Fahrzeug. Die Tasche mit Geld, Karten und Ausweisen steht unberührt auf dem Hintersitz. Ich atme auf. Derartige Nervenkitzel sind Gift für das geschwächte Nervenkostüm.
Zuhause steigt mein Stresspegel erneut, weil ich die E-Mails durchsehe und eine Nachricht vom Rechtsanwalt mit dem Betreff »Germanwings-Angebot« vorfinde. Dahinter verbirgt sich der immaterielle Schadenersatz. Kaum ist Jens beerdigt, kommt dieses Thema! Ich ahne, dass Ärger vorprogrammiert ist. Trotzdem öffne ich die Mitteilung. Darin wird eine Pauschalsumme angesetzt für die Todesangst, die die Opfer unmittelbar vor dem Absturz erlitten haben, sowie ein zweiter Betrag, für den uns zugefügten Schmerz.
Was mich spontan aufregt, ist, dass der Kreis der Anspruchsberechtigten für die letztgenannte Summe eng definiert ist. Hierzu gehören im Wortlaut des Schreibens »Eltern, Kinder, Lebenspartner, Lebensgefährten mit gemeinsamem Wohnsitz«. Keine Ansprüche haben: Geschwister, Großeltern, Enkel, usw, es sei denn, sie ließen sich ärztlich bescheinigen, dass sie ebenso leiden, wie die berechtigten Personen.
Wieso muss der leibliche Bruder von Jens ein diesbezügliches Attest erbringen? Unsere Söhne fühlten sich bis zum mörderischen Ende innerlich eng miteinander verbunden. Bei Thomas reicht das über den Tod hinaus. Er trauert tief, das sehe ich. Und die Großeltern? Im Normalfall sind die Enkel ihr ein und alles.
Ich gebe zu, dass Abgrenzungen notwendig sind. Doch wer will bestimmen, wo sie liegen? Die einen sollen Beweise vorlegen, die anderen nicht, egal wie die reale Beziehung des Betreffenden zu dem Verstorbenen war.
Wie ist es aber im Fall von Lubitz gelaufen? Er durfte trotz der gravierenden psychischen Probleme und der Einnahme starker Psychopharmaka Passagiere im Flugzeug befördern. Was sind das für merkwürdige Belege und Testate, die so etwas zulassen? Was musste er vorweisen? Der Verdacht liegt nahe, dass es erhebliche Lücken gegeben haben muss.
Stattdessen dreht die Fluggesellschaft den Spieß einfach um. Er trifft die Hinterbliebenen in der bereits an sich fürchterlichen Situation der Trauer. Von uns werden alle möglichen Nachweise verlangt.
Wir müssen darunter leiden, dass in Deutschland als einzigem europäischem Land keinerlei rechtliche Regelungen über ein Schmerzensgeld für Opferhinterbliebene existieren. Im Herbst soll dazu ein Gesetz erlassen werden.
Mich beschleicht das Gefühl, dass Lufthansa/Germanwings nicht begreift, was die Katastrophe in uns angerichtet hat. Ich wünschte mir, Herr Spohr wäre gezwungen, nur für wenige Wochen in die Haut von uns Angehörigen zu schlüpfen, um mit voller Wucht zu erfahren, wie Seele und Körper leiden. Ich sage bewusst »gezwungen«, denn dies freiwillig zu tun, wäre abartig.
Über die Höhe einer angemessenen finanziellen Entschädigung für den Schmerz mag ich nicht schreiben, da ich nicht weiß, wie man die Todesangst der Passagiere und die Trauer mit all ihren Folgen in einem Geldbetrag ausdrücken soll. Für derartige Fälle gibt es keine Messlatte.
Das Verhandeln um einen angebrachten Betrag wird vorangetrieben. Wird es zu einer Klage kommen?
Und wir? Werden wir dabei Ruhe finden?
Ich möchte wissen, wie es dazu kam, dass ein Massenmörder den Airbus steuern durfte. Wieso ?????
Jens zu ersetzen, ist sowieso ein Ding der Unmöglichkeit. Wie gern würde ich ihn in die Arme schließen, seine Stimme und sein Lachen hören. Das ist durch nichts aufzuwiegen. Doch für das unermessliche Leid, das durch die Katastrophe über uns gebracht wurde, sollte die Lufthansa, solange die Schuldfrage nicht geklärt ist, wenigstens eine moralische Verantwortung übernehmen. Das hat etwas mit Respekt zu tun, den Opfern, aber auch uns gegenüber.
Ratlos, die Trauer im Herzen und mit steigender Wut im Bauch fahre ich den Computer herunter.
© Brigitte Voß

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